Zurück in Irkutsk

Es herrscht heilloses Chaos am Gepäckband in Irkutsk. Überall um mich herum begrüßen Angehörige ihren Besuch. Da es sich aus Moskau um einen Inlandsflug handelte, sind wir in einem öffentlichen Bereich. Langsam ebbt das Getümmel ab, quietschend fahren noch ein paar einsame Taschen im Kreis herum, doch meine eigene ist wieder nicht dabei. Ich hatte es fast schon erwartet, fülle die notwendigen Formulare aus und nehme ein Taxi zu Galina, bei der ich wieder übernachten werde. Aus der Küche dringt an diesem Morgen vertrautes Gequatsche auf Russisch, Galinas Freunde und zwei italienische Gäste sitzen zusammen, essen Plieni mit Marmelade und trinken dazu Chai. Als ich ans Fenster klopfe springt Galina auf: „Martin, schön Du wieder da bist! Komm rein, setzen, Chai und Plieni, erzähle von Deutschland!“

Circa zwei Wochen habe ich mir dieses mal nur gegeben um Sibirien weiter zu durchqueren. Ich möchte noch die Ostseite des Baikal bereisen, dann soll es in Richtung Vladivostok gehen. Obwohl die Strecke zwischen Ulan Ude und dem Osten Sibiriens zwar gut ausgebaut, aber eher monoton sein soll, habe ich mich entschlossen, weiter auf eigener Achse zu fahren. Kurz hatte ich überlegt auf die transsibirische Eisenbahn auszuweichen, doch wer weiß welche Abenteuer ich da verpassen würde. Noch am selben Tag holt mich Sergey mit dem Auto und bringt mich zur Garage, in der mein Motorrad steht. Schlüssel ins Schloss und ein Druck auf den Anlasser, schon läuft der Boxer. Ich hatte nicht mal die Batterie ausgebaut. Nun gilt es nur noch den in der Mongolei abgerissenen Motorschutz instand zu setzen und die Kupplungsflüssigkeit zu wechseln. Dazu schaue ich am folgenden Tag bei Max und Victor vorbei, die in einer kleinen Werkstatt am Rande von Irkutsk werkeln. Victor ist gestern erst selbt von einer Tour durch die Mongolei zurückgekehrt. Ich esse mit ihm zu Mittag, dabei stellen wir fest, dass er auf einer Pamir-Tour vergangenen Jahres ebenfalls bei Stas und Nastia in Osh abgestiegen ist. Klein ist die Biker-Welt. Max schraubt unterdessen an zwei Auftrags-Custom-Motorrädern für ein Mad-Max-Filmprojekt herum. Ich frage mich, welcher reiche Russe wohl dahinter steckt. Nachdem anschließend auch meine Reisetasche aus Moskau angekommen ist, bin ich startklar.

Nach einem feuchtfröhlichen Abschiedsabend geht es am Abreisetag fast identisch weiter. Es regnet wie aus Eimern, als ich Irkutsk hinter mir lasse und mich auf die Landstraße in Richtung Ulan Ude begebe. Die schönen Kurven an der Südseite des Baikal erfreuen mich wenig, überall sucht sich an meinem Anzug das Wasser seinen Weg. Nach sechs Stunden Fahrt gebe ich im kleinen Ort Tanchui auf. Während ich als einziger Gast eines kleinen Hotels an der Rezeption meine drei Worte Russisch radebreche, bildet sich unter mir eine riesige Pfütze. Da es in Tanchui keine Restauration gibt, muss ich zurück zur Fernstraße laufen und in der Raststätte essen. Zumindest für den frischen geräucherten Omul, den ich bei einer Frau am Straßenrand erstehe, hat sich der Fußweg gelohnt.

Als ich am nächsten Morgen in meinem Post-Sovjet-Zimmer aufwache, begrüßt mich die Sonne durchs Fenster. Als ich an einem Geschäft halte um ein paar Lebensmittel einzukaufen, komme ich mit einem Renter ins Gespräch, der davor an einem Tisch seine eigenen Produkte feil bietet. Seine Rente reiche nicht aus, deshalb müsse er hier selbstgemachten Käse und allerlei andere Dinge aus eigener Herstellung verkaufen. Circa 30 Kilometer vor Ulan-Ude folge ich einem Straßenschild gen Norden das Ust-Bargusin anzeigt. Kurz darauf taucht ein Fähranleger am Flussufer der Selenga vor mir auf, einige Autos haben bereits eine Schlange gebildet. Als ich dem Fahrer des vor mir wartenden Wagens meine vom Vorabend übrig gebliebenen Zigaretten schenke, kommen wir ins Gespräch. Aleksey ist Chemiker in einer Fabrik, die in der Nähe von Irkutsk Schmierstoffe herstellt. „Your Bike very nice!“, gibt er mir zu verstehen. Wir kommunizieren weiter mit einem Mix aus English, Russisch, Zeichensprache und Google Translate. Aleksey ist mit seiner Tochter und seinem Sohn auf dem Weg zur „heiligen Nase“, einer Halbinsel am Ostufer des Baikal. Dort will er für sieben Tage mit den Kindern campen, angeln und die Natur genießen, während seine Frau mit einem neugeborenen Baby daheim die Stellung hält. Ich beschließe ebenfalls zur Halbinsel zu fahren, da mir Aleksey versichert, dort gebe es auch Unterkünfte und auch eine Art Cafe. Wie mir bald klar wird, scheint Angeln und Camping ohnehin eine der Lieblings-Freizeitaktivitäten der hiesigen Russen zu sein. In regelmäßigen Abständen blitzen Camps ganzer Großfamilien durch die Bäume des Seeufers am Rande der Straße. Hier hat es einen der wenigen großen Sandstrände des Sees. Es wird flaniert, gebadet und gegrillt. Dass der See gerade mal 15 Grad Wassertemperatur und die Luft so um die 20 Grad hat, stört scheinbar niemanden. Als ich zur Landverbindung der Halbinsel komme, gibt es eine Art Checkpoint und ich muss Eintritt bezahlen. Die Halbinsel ist ein Nationalpark. Auf Schildern wird vor Bären gewarnt, die es hier zuhauf geben soll. Ab hier geht es auf einem sandigen Feldweg weiter, der mich all meine Nerven kostet. Sandiger Untergrund mit dem Motorrad ist für mich nach wie vor ein verzichtbares Vergnügen. Nach einer guten Stunde und rund 40 Kilometern komme ich verschwitzt in der Bucht, die mir Aleksey genannt hatte, an. Unterkünfte gibt es leider keine hier, und auch kein Restaurant oder Ähnliches. Ich frage einen der standardmäßig mit Tarndruck bekleideten Russen. Fünf Kilometer von hier, in der nächsten Bucht, da gebe es eine Turbase. Dort könne ich Glück haben. Die Sonne ist bereits am Untergehen, doch was bleibt mir anderes übrig. Durch dicht bewaldetes Dickicht geht es quer über die „heilige Nase“, während ich mich frage, ob hier tatsächlich der ein oder andere Braunbär umherschleicht. In der nächsten Bucht erstreckt sich wieder eine kleine Ansammlung von Häusern entlang des Strandes. „Turbasa?“, frage ich eine burjatische Frau am Wegesrand. „Tuda, tuda“ antwortet sie und zeigt auf ein paar Holzhütten in der Nähe. Durch mein Motorrad aufgeschreckt kommt Stanislav, der Besitzer zwischen den Hütten hevorgeschlurft. Für eintausend Rubel könne ich ein Bett bei ihm haben. Essen habe er aber keines. Ich willige ein und sehe mich im Geiste schon meinen Laib Brot mit Konserve anbrechen, den ich für den Notfall dabei habe. Schließlich hat Stanislavs Hausangestellte aber doch Mitleid mit mir und stellt mir ein paar Pirog, also gefüllte Teigtaschen zum Abendessen hin. Anschließend schlafe ich noch in Motorrad-Klamotten auf der Pritsche meiner Hütte ein.

 

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