Milan der Montenegriner

Mein Kumpel Martin schimpft und flucht vor sich hin. Nach einem traumhaften Motorrad-Tag mit endlich halbwegs gutem Wetter, haben wir die letzte Nacht in Bijelo Polje in Montengro verbracht. Heute wollten wir eigentlich einen Rundkurs über Kolasin fahren, doch schon am Morgen hat seine BMW einen Fehler an der Wegfahrsperre angezeigt. Nun stehen wir an einer Tankstelle in Mojkovac und das Motorrad macht keinen Mucks mehr. Die Ringantenne der Wegfahrsperre ist kaputt und lässt ihn das Motorrad nicht starten. Ein Mann spricht uns in gebrochenem Deutsch mit schwäbischem Einschlag an, er hat mein Stuttgarter Kennzeichen bemerkt. Ob wir ein Problem hätten, er wolle gerne helfen. Er habe selbst einige Zeit in der Nähe von Stuttgart verbracht und sei nun zurück gekommen. Milan (48) hat von 1990 bis 1997 in Marbach und Brackenheim gelebt, um dem Krieg zu entgehen. Inzwischen ist der studierte Geschichtslehrer in seiner Heimat ein angesehener Bauunternehmer. Er telefoniert für uns mit einem BMW Händler in Podgorica, doch der repariert nur PKW, keine Motorräder. Wir versuchen es mit Kontaktspray und kriegen die Maschine immerhin wieder an. Er habe nicht weit von hier in den Bergen ein paar kleine Ferienhäuser gebaut, sagt Milan, die wolle er uns gerne zeigen und uns dort zum Essen einladen.

Bei hausgemachtem Käse, Speck und Brot sitzen wir wenig später auf einer Terrasse in den Bergen und blicken ins malerische Tal des Flußes Tara hinab. Milan möchte gerne Werbung für seine Region machen, will den Tourismus wieder ankurbeln. Vor 35 Jahren gab es hier in der Region jede Menge Touristen, heute jedoch kaum. Er wisse nicht warum. Gleichzeitig möchte er sich mit dem Ensemble von kleinen Ferienhäußchen auch selbst einen Rückzugsort schaffen, dem anstrengenden Leben als Bauunternehmer aus Podgorica in die Berge entfliehen, das eigene Gemüse anbauen. Entschleunigung auf montenegrinisch sozusagen. Wie er den Balkan-Konflikt bewerte frage ich ihn. In Montenegro haben wir Orthodoxe, Moslems und Christen zu gleichen Teilen und deshalb kaum Probleme, sagt er. Für ihn spiele das keine Rolle, er fühle sich einzig als Montenegriner! Er ist sich auch 100 Prozent sicher, dass es in Montenegro keinen neuen Konflikt geben wird. Wenige Stunden und einige Slibowic später sitzen wir am warmen Ofen und essen gegrilltes Fleisch. Wir haben seine Einladung angenommen, die Nacht in der Hütte zu verbringen.

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