Leeres Istanbul

Ich verlasse Mazedonien und überquere die Grenze ein weiteres Mal in Richtung Griechenland. Die Flüchtlingskrise macht sich auch weiter südlich immer wieder durch kleine Camps am Straßenrand bemerkbar. Zum Teil sind ganze Raststationen mit Zelten voll gestellt. Ansonsten besticht Griechenland durch die besten Autobahnen, die ich seit langem gesehen habe. Für rund 400 Kilometer zahle ich weniger als sechs Euro Maut und zeitenweise fahre ich völlig allein. Die Kassenhäuschen sind trotzdem alle besetzt. In Alexandroupolis übernachte ich noch einmal kurz vor dem Grenzübergang in die Türkei. Der türkische Straßenverkehr überfordert mich anfangs etwas, es gilt das Recht des Stärkeren und als Motorrad zieht man im Zweifel den Kürzeren. In Istanbul angkommen erwartet mich eine wie gelähmt wirkende Altstadt. Die vielen Souvenir-Händler sitzen gelangweilt vor Ihren Geschäften und trinken Tee, die Cafes und Bars sind oft fast komplett leer. Harun (30), der Wirt einer kleinen Bar mit Namen „The Happy Hole“ direkt hinter der Hagia Sofia, erklärt mir, dass er dieses Jahr bis zu 50 Prozent Umsatzeinbußen hat. „Das hängt mit den zwei Bombenattentanten zusammen, die es dieses Jahr in Istanbul gegeben hat“, sagt er. Was wir beide nicht wissen: Während wir sprechen geht im Stadtviertel Sancaktepe eine weitere Bombe in der Nähe einer Militäranlage hoch. Zum Glück werden nur fünf Menschen verletzt. Harun ist eigentlich in Malatya als Sohn eines türkischen Luftwaffensoldaten aufgewachsen. Seit 2006 lebt er in Istanbul, kam zum Studieren hierher. Das Studium hat er abgebrochen und stattdessen vor zwei Jahren  die Bar übernommen. Eine Fehlentscheidung, stellt er zerknirscht fest: „Wenn es so weiter geht, kann ich die Bar in einem Monat dicht machen“. Sogar etablierte Geschäfte würden aufgegeben, ein benachbartes Hotel sei nach acht Jahren wieder aufgeben worden. An Präsident Erdoğan lässt eigentlich keiner ein gutes Wort, mit dem ich mich unterhalte. Harun findet, er sei ein Lügner: „In Kilis werden unsere eigenen Leute vom IS bombardiert, und Erdogan tut nichts!“ Nicht zuletzt liege es auch am Präsidenten, dass keine Touristen mehr kommen. Dass dafür umso mehr Flüchtlinge in die Türkei strömen, scheint ihn weniger zu stören. Harun sieht vielmehr einen Nutzen darin: „Europa braucht uns, damit wir den Flüchtlingsstrom hier kontrollieren“, sagt er, „aber wir können mit den Syrern umgehen, wir kommen aus der gleichen Region und kennen uns mit solchen Problemen aus“.

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