Rückkehr nach Van

Ich stehe am Istanbuler Flughafen und bin extrem angespannt. Nach all den Gedanken, die ich mir vor dem Abflug gemacht habe, stehe ich nun vor dem profansten aller Probleme: Meine Gepäckrolle ist nicht angekommen. „I am sorry, we can not do anything“ antwortet mir der Turkish Airline-Mitarbeiter. In der Tasche steckt mein russisches Visum. Ich fülle die notwendigen Formulare aus, der Angestellte verspricht mir mehrfach, die Tasche sei am nächsten Morgen um acht Uhr in Van, und ich renne zum Anschlussflug. In Van erwarten mich schon Özlem und Bahattin am Flughafen. In ihrem Keller stand mein Motorrad während der letzten beiden Monate, und sie ließen sich nicht davon abbringen, mich abzuholen und zu beherbergen. Wir gehen als erstes in den Keller und holen das Moped heraus, ein Druck auf den Zündschalter und schon läuft der Zweizylinder. Die beiden kümmern sich rührend um mich. Sie sind Lehrer in Van, Bahattin für Kunst, Özlem unterrichtet Englisch. Bahattin ist als Sohn von Kurden in Van geboren und aufgewachsen. Özlems Vater ist Kurde, die Mutter Tartarin. Nach einigen Stationen in der übrigen Türkei sind sie inzwischen wieder in Ihre Heimat zurück gekommen, wo nun der zehnjährige gemeinsame Sohn aufwächst. Keine Frage, dass sie sich große Sorgen um das Leben in Kurdistan nach dem Putsch machen. Bis jetzt hat es in Ihren Schulen zwar noch keine Entlassungen gegeben, aber es sei nur eine Frage der Zeit. Die Inspektoren vom Ministerium waren bereits da. Was ich nicht wußte: Seit dem Putsch besteht Ausreiseverbot für alle Beamten. Lediglich die Hadsch ist zulässig. Zu meinem Erstaunen berichten sie, dass in der Nacht des Putsches selbst in Van einige Leute auf die Straßen gegangen sind, um für Erdogan und die Demokratie zu demonstrieren. Während auf der einen Seite wenig kritisch hinterfragt wird, scheint trotzdem auch die Theorie umzugehen, dass der Putsch willentlich zugelassen wurde, um Erdogans Macht zu stärken. Wir unterhalten uns den ganzen Abend, und ich würde gerne noch länger bei dem Lehrerpaar bleiben, doch die Zeit drängt. Am nächsten Morgen kommt wie versprochen meine Tasche an – und ich nehme Kurs auf Georgien.

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