Von Osh in Richtung Pamir

In Osh übernachte ich für zwei Tage in der kleinen, aber sehr schönen Pension „Zhukovs Guesthouse“ von Nastia und Stas. Am zweiten Tag kommt eine Gruppe kirgisischer und kasachischer Biker vorbei. Sie wollen den Pamir-Highway in einer anderen Route meistern. Bei MuzToo, einer von Schweizern geführten Motorrad-Vermietung, Werkstatt und Tour-Company in Osh, will ich mich nach Streckensperrungen, Erdrutschen oder Ähnlichem erkundigen. Ich treffe nur Mechaniker Kamil an, es ist Samstag. In herrlichem gebrochenen Deutsch mit Schweizer Akzent bestätigt mir Kamil, dass es momentan keine derartigen Meldungen gebe. „Wir haben derzeit eine Tour draußen“, erklärt er mir noch, „sie sind seit vier Tagen unterwegs, vielleicht triffst Du sie auf dem Weg“.

Am nächsten Morgen verlasse ich Osh in Richtung Sarytasch, dem letzten kirgisischen Ort vor der tadschikischen Grenze. Dort treffe ich auf eine riesige Bikergruppe mit 15 Motorrädern. Sie sind international durchmischt, ich schätze das Durchschnittsalter auf Mitte/Ende 50. Mit dabei ein Begleitfahrzeug, welches Gepäck, Ersatzmotorrad und eine verunfallte Fahrerin transportiert. Die Truppe wird von einem englischen Guide geführt, geht von London nach Peking und hat wohl pro Kopf um die 30 000 Euro gekostet. Ein Fahrer mit Dubaier Kennzeichen erklärt mir, die 120 Kilometer Offroad von Langar in Richtung Murgab seien die längsten seines Lebens gewesen. Ich darf mich freundlicherweise zur Abfertigung vordrängeln, außer den Bikern und mir ist niemand hier. Im Niemandsland zwischen den Grenzposten wird es dann zum ersten Mal technisch: Durch einige Bäche und viel Matsch schraubt sich die ungeteerte Piste auf den 4200 Meter hohen Kisil-Art-Pass hoch. Gegen Anfang, als es noch Straße gibt, treffe ich zu meiner Überraschung auf zwei Wanderer: Sergej (25) aus Moskau und seinen Kumpel Yaroslav (19) aus der Ukraine. „We sleep in tent“ erklärt mir Sergej. Ich hoffe für die beiden, dass ihr Abenteuer gut ausgeht, und quäle meine 300 Kilo schwere Maschine weiter den Berg hoch. Am tadschikischen Grenzposten beginne ich, die Höhe zu spüren. Ich fühle mich wie in Trance. Während ich mich als einziger „Gast“ vom Verkehrsbeamten über den Veterinärbeauftragten bis zum Zoll durchschleusen lasse und überall ein paar Dollar abdrücke, nähert sich aus Tadschikistan ein weiteres Motorrad. Ein fahriger Italiener steigt ab, Francesco. Nervös nestelt er seine Papier hervor und erklärt in gebrochenem Deutsch: „Ich bin 65 Jahre, fahre seit 30 Jahren Motorrad, aber so etwas mache ich nie wieder! Ich habe wirklich Angst gehabt, besonders auf der Wakhan-Strecke! Zudem hab ich mein Navi verloren! Schrecklich diese Straße.“ Ob er denn vorher Offroad- Erfahrung gehabt habe, möchte ich wissen. „Nein, aber kennst Du die Südtiroler Pässe?“

Der Beamte hat inzwischen alle meine Daten in seine Kladde per Hand eingetragen und ich darf gehen. „Versprich mir bitte nur, dass Du nicht durch den Wakhan-Korrdior fährst!“, sagt Francesco zum Abschied. Ich verspreche es ihm, fest entschlossen, es dennoch zu tun. Es wird vorerst mein letzter menschlicher Kontakt sein. Vor mir tut sich eine Hochebene auf, die wie aus einer anderen Welt, wie eine Mondlandschaft wirkt. Der Wind pfeift mir eiskalt um den Helm, inzwischen hat es null Grad und ich nähere mich dem Karakul-See. Links von mir verläuft ein endlos scheinender Stacheldrahtzaun, dahinter scheint es nach China zu gehen. Ich bin gute zwei Stunden gefahren. Seit der Grenze bin ich keiner Menschenseele und auch keinem Fahrzeug begegnet. Hier am See gibt es eine wenig einladende Ansammlung von Häusern, Menschen sind dennoch keine zu sehen. Ich entdecke ein Schild „Homestay“, fahre aber weiter. Als ich auf den 4660 Meter hohen Ak-Baital-Pass zusteuere ziehen sich die Wolken zu und das Thermometer fällt auf minus zwei Grad. Dann fängt es an dicke, große Flocken zu schneien. Ich kämpfe mich weiter durch, kann kaum etwas sehen, weil mir der Schnee am Visier fest friert. Eine Stunde geht das so, und ich beginne schon zu überlegen, ob ich genug Sprit an Bord hätte, um mich über Nacht am laufenden Motor zu wärmen, da lichten sich die Wolken und vor mir taucht im Licht der durchbrechenden Sonnenstrahlen ein weißer Kleinbus mit Helmstetter Kennzeichen auf. Drinnen sitzen Mir und seine Frau Nielofar. Sie kommen ursprünglich aus Afghanistan und sind Tajiken. Sie möchten nach der Runde durch den Pamir nach Mazar-e-Sharif in Afghanistan fahren, um den Wagen dort Verwandten zu schenken und nach Hause zu fliegen. Die beiden sind ebenso glücklich mich zu sehen, wie ich sie! Einige Stunden später sitzen wir mit einer Handvoll anderer Reisender im Speiseraum des einzigen „Hotels“ in Murgab. Es gibt noch ein Ulmer Paar mit Expeditions-Unimog, einen Fahrradfahrer aus England, ein spanisches Ehepaar aus Mallorca die mit Chauffeur unterwegs sind und zu meiner Freude drei Motorrad-Fahrer aus Slowenien. Die drei kommen aus dem Wakhan-Korridor und sind entgegen gesetzt meiner Richtung gefahren. „Eigentlich ist es nicht so schwer, ein paar Stellen mit tieferem Sand, leichte Gewässerdurchquerungen, sonst geht es“, sagt mir der Älteste der drei. Dann fügt er noch hinzu: „Ich bin zwei mal im Sand umgefallen, stell Dich darauf ein.“ Ich hatte gehofft mich, vielleicht mit anderen Reisenden zusammenschließen zu können, doch in meiner Richtung ist schlichtweg keiner unterwegs. Die Ulmer haben wohl einen allein reisenden Rosenheimer Motorradfahrer in meiner Richtung gesehen, doch keiner weiß, wo der abgeblieben ist.

 

 

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