Zurück in Novosibirsk

Verschlafen blinzele ich durch meine Augenlieder in den abgedunkelten Raum. Am Tisch sitzen ein paar Männer, genauer Andrej, Andrej und Dima. Dahinter steht Ksenia vor der kleinen Einbauküche. Am Abend bin ich in Novosibirsk angekommen, und Kostia und Luda hatten es sich nicht nehmen lassen, mich vom Flughafen abzuholen. Gestern ging es gleich morgens die bestellten Reifen abholen, anschließend zur Garage von Ludas Mutter, in der das Motorrad die letzten Monate parkte. Ich hatte nicht mal die Batterie ausgebaut. Ein Druck auf den Anlasser: sofort ist der Boxer zum Leben erweckt. Nachdem es erst noch frische Apfelküchlein in Ludas Elternhaus gibt, machen wir uns im Konvoi auf zu Andrej, dem ehemaligen Atomphysiker, der nun ein Schrauberleben in seiner ausgebauten Garage führt. Er ist gleichzeitig Mechaniker vom Motorradclub „99 Percent“ und macht sich mit seinem Mechaniker Dima sogleich an die Arbeit. Es sollen die neuen Reifen aufgezogen, das Getriebeöl gewechselt und ein paar andere Kleinigkeiten repariert werden. Unterdessen sitze ich mit Ksenia, Andrejs Frau, im oberen Stockwerk der Garage, trinke Tee und unterhalte mich mit Ihr per Google Translate. Andrej ist mit den Reifen zu einer anderen Werkstatt gefahren, da er dafür keine Maschine hat, da kommt der ernüchternde Anruf. „Der Hinterreifen hat die falsche Größe“, gibt mir Ksenia zu verstehen. Wie ich mich vertun konnte, ist mir unerklärlich, aber nun gilt es, das Problem zu lösen. Doch woher um alles in der Welt in wenigen Stunden einen gescheiten Offroad-Reifen meiner Größe auftreiben? Inzwischen sind einige andere Biker auf ein Gespräch vorbei gekommen. Einer davon, auch ein Andrej, erinnert sich, dass ein Freund ebenfalls eine BMW GS meines Baujahrs fährt. Ein paar Anrufe und dann ist alles geklärt. Am nächsten Morgen können wir einen neuen Conti TKC80 vom Kumpel abholen. „Siehst Du, wir Russen helfen immer unseren Freunden!“, sagt Andrej und zwinkert mir zu, nachdem ich vorhin erklärt hatte, dass die Reputation Russlands in Deutschland eher durchwachsen ist.

Für mich bedeutet das, dass ich eine Nacht länger als geplant in Novosibirsk verbringen werde. Den zusätzlichen Abend nutzen Luda, Kostia und ich, uns meinem Gastgeschenk, einer Flasche Whisky zuzuwenden. Am nächsten Tag geht es wieder raus zu Andrej in die Garage. Während sich Andrej und Dima ans Schrauben machen, übermannt mich auf der Couch der Schlaf, bis ich zur obigen Szene aufwache. Andrej sagt zu mir: „Your Bike ready!“

Am nächsten Morgen noch schnell ein Abschiedsfoto vor der Lenin-Statue, dann rollt die Fuhre inklusive Ersatzreifen aus der Stadt.

Fast zwei Tage lang habe ich nun in der Garage von Andrej verbracht. Andere Biker haben mir Tipps gegeben,  Ksenia hat uns alle mit Essen versorgt und ich habe mich selten so willkommen gefühlt. Immerhin kann ich ein bisschen davon zurück geben. Kostia und Luda gehen im September mit den Mopeds auf Europatour. Ein Stop in Stuttgart ist schon vereinbart. Danke „99 Percent“, Danke Novosibirsk!

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