Vom Chjargas-Nuur-See bis zur Krankenstation Songino

Am nächsten Morgen wollen wir die „Abkürzung“ in Richtung Chjargas-Nuur-See nehmen. Es ist herrliches Wetter, Mischa und ich düsen wieder voran über die Steppe. Die Mischung aus Konzentration, Geschwindigkeit, Landschaft und das Rallye-Gefühl wenn die Maschine über die Unebenheiten wobbelt, ergeben ein wahres Hochgefühl. Als wir auf einer Anhöhe auf die Anderen warten, sagt Mischa:“I think this is what I have been looking for all my life! This is almost better than sex!“. Nichtsahnend, dass dieses Gefühl leider bald jäh unterbrochen werden würde.

Wir kommen deutlich schneller voran als am Vortag, Mittags sind wir am See. Als wir anschließend auf ein Zwischenstück von 150 Kilometern Teerstraße treffen, küsst Vali vor Freude die Straße. Wir pumpen die Reifen wieder auf, albern herum und machen Fotos. Als es dämmert, erreichen wir den kleinen Ort Songino. Es gibt immerhin eine Unterkunft, in der es Betten gibt. Auf die Dusche müssen wir wohl wieder verzichten. Vor uns liegen noch 200 Kilometer Offroad, dann sollen laut der Einheimischen, die restlichen 800 Kilometer bis Ulanbaator geteert sein. Nachdem wir uns zum Frühstück mit einem Stapel Mante gestärkt haben, der landesüblichen „Maultasche“, wird noch Sprit gefasst, dann gehts wieder raus auf die Ebene. Mischa sucht sich links von mir eine Spur, ich versuche rechts mein Glück, als ich nur noch eine Staubwolke sehe. Zwischendurch ein paar Beine von Mischa in der Luft, als ich mein Motorrad hinschmeiße, auf die Unfallstelle zu renne und der Staub sich legt, liegt er reglos am Boden. Er ist in eine verhärtete LKW-Fahrspur geraten und hat die Kontrolle verloren. Zum Glück bewegt er sich schon wieder, als uns wenige Sekunden später die anderen Beiden erreichen. Die erste Angst legt sich glücklicherweise schnell wieder. Zehen und Arme sind beweglich. „How is bike?“ stammelt er, und dann noch: „I not remember your name.“ Er hat eine üble Schwellung am Steiß und einen kleinen Gedächtnisverlust. Wir richten ihm ein Lager auf einer Isomatte, ich fahre den Kilometer zurück nach Songino um einen Arzt zu suchen. Immerhin gelingt es mir der Ärztin und der Schwester vor Ort klar zu machen, dass sie mir im Jeep mit Fahrer zur Unfallstelle folgen und eine Trage mit nehmen sollen. Zurück an der Unfallstelle ist die Ärztin etwas hilflos, sie schlägt vor, Mischa mit in die Krankenstation zu nehmen. Bogdan und Vali wollen sich um das Motorrad kümmern, ich begleite Mischa. Doch uns ist inzwischen klar, dass er so schnell nirgendwo hin fahren wird. Die Federgabel des Motorrads ist verdreht, das Vorderrad krumm, ein paar Speichen sind gebrochen, der Lenker ist verbogen. Da es nun um etwas komplexere Dinge in der Verständigung geht, beginne ich mich mit der Krankenschwester über Zeichnungen zu verständigen. So erfahre ich, dass das nächste Röntgengerät im 200 Kilometer entfernten Tosontsengel steht, am Ende der Offroadstrecke. Ich rufe eine befreundete Ärztin in Deutschland an, die mir bestätigt, dass wir eine Wirbelsäulenverletzung wohl ausschließen können. Es entsteht der Plan, einen LKW anzuhalten, der Mischa samt Motorrad bis nach Ulanbaator mit nimmt. Bogdan fährt das geschrottete Motorrad zurück in den Ort. Nach ein paar Stunden wackelt Mischa schon wieder auf eigenen Füßen zurück zur Hauptstraße von Songino, in der wir in einem kleinen Lokal unsere „Basis“ eingerichtet haben. Wir telefonieren und beratschlagen uns, fragen uns durch, doch Englisch versteht niemand. Als ich erneut ein paar Reisende anspreche, antwortet einer von ihnen im breitesten Cockney Englisch. Er ist Professor an der Universität von Ulanbaator und schreibt uns die notwendigen Sätze, um Trucker nach einer „Mitfahrgelegenheit“ für Mischa zu fragen, auf ein Stück Papier. Ich hadere mit mir. Meine Reise verzögert sich mehr und mehr, doch die Gruppe in dieser Situation allein zu lassen, ist unvorstellbar. Gegen 16:00 Uhr, wir stellen uns auf eine weitere Nacht in Songino ein, rumpelt wieder ein Truck durchs Dorf. Der Zettel des Professors funktioniert. Der Fahrer hat einen alten Geländewagen, Steine und ein paar Kisten auf der Ladefläche und willigt ein, das Motorrad aufzuladen. Mischa könne er nicht mit nehmen, das Führerhaus sei voll. „There is space in the Jeep!“ wirft Bogdan ein. Nach ein bißchen Überzeugungsarbeit, hieven wir Mischa auf den Sitz des Geländewagens auf der Ladefläche. Kurz darauf verschwindet die Staubfahne des Lasters am Horizont.

Bogdan und Vali möchten nicht mehr weiter, wollen ein paar Kilometer außerhab des Ortes zelten. Ich fühle mich unter Zeitdruck und beschließe dem LKW in den Abend zu folgen. Ich hole den Laster ein, winke Mischa auf der Ladefläche zu. Wenige Minuten später schmeißt es mich dann selbst hin, glücklicherweise bei moderater Geschwindigkeit. Einer meiner Koffer scheint sich gelöst zu haben. Ein paar blaue Flecken wird es wohl geben, der Koffer ist verbogen und mein Handy ist in der Hosentasche zersplittert. Ich berappele mich, befestige den Koffer mit einem Spanngurt und versuche nun noch vorsichtiger durch die Dämmerung zu fahren. Einige Zeit später entdecke ich zwei Motoradscheinwerfer auf der Ebene hinter mir. Es sind Vali und Bogdan, die sich doch noch auf den Weg gemacht haben. Nachdem nach 100 Kilometern die Lichter der paar Häuser von Nomrog durch die Nacht blitzen, überreden mich die beiden, es dann doch für den Abend gut sein zu lassen. Wir kehren bei einer Familie ein, die eine kleine Bäckerei betreibt und dürfen für ein paar Tigru auf dem obligatorischen Podest in der Gaststube schlafen. Der 11-jährige Sohn findet uns super und zeigt mir alle möglichen Dinge auf seinem Smartphone, während ich zum Duft von frisch gebackenem Brot diese Zeilen schreibe.

 

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