Winterpause in Ulan Bator

Am Morgen erleben wir den Alltag der Familie. Der Sohn macht sich für die Schule fertig, die Freundin der Tochter kommt zum gemeinsamen Schulweg vorbei. Wir wollen die letzten hundert Kilometer Dirtroad bis Tosontsengel meistern, mittags kommen wir in der Kleinstadt an und stärken uns wieder mal mit Mante. Bogdan und Vali wollen heute auf keinen Fall noch weit fahren. Ich beschließe, die etwas über 800 Kilometer bis Ulan Bator durchzurutschen. Ab jetzt soll ja alles geteert sein. Ich decke mich mit ein paar Energydrinks ein, und los geht die Monotonie der Langstrecke. Gegen 20 Uhr wird es dunkel, kurz darauf ist es pechschwarze Nacht. Der Mond scheint nicht und selbst mit allen Scheinwerfern und Aufblendlicht kann ich nicht ausreichend sehen,  um schneller als 70 Kilometer pro Stunde zu fahren. Zudem blenden die entgegen kommenden Mongolen selten ab, und ich sehe dann noch weniger. Als ich knapp ein Pferd auf der Straße verfehle, wird mir klar, dass ich meine Taktik ändern muss. Ich warte bis mich ein Mongole mit ultrastarkem Scheinwerfer überholt und hänge mich hinten dran. Ab jetzt geht es mit geschmeidigen 100 Sachen durch die mongolische Nacht. Irgendwann bemerkt der Fahrer meinen Plan und hält an. Aus dem Auto steigen zwei junge, mongolische Pärchen, die sich begeistert mein Motorrad anschauen. Entgegen meiner Befürchtungen freuen sie sich total über meine Verfolgungsfahrt. Eine der Frauen spricht drei Sätze English. So erfahre ich, dass sie gemeinsam Freunde besucht haben und nun auf dem Rückweg nach ULan Bator sind. „You hungry? You not scared? You alone?“ fragt sie mich besorgt. Ich versichere ihr, dass alles in Ordnung ist, und ich schon dankbar genug bin, hintendrein fahren zu dürfen. Fünf Stunden später, an der Stadtgrenze zu Ulan Bator verabschieden wir uns herzlich. Noch das obligatorische Facebook-Adden und ich bin wieder auf mich allein gestellt. Um zwei Uhr nachts checke ich in ein Hotel ein und nehme erst einmal eine ausgiebige Dusche.

Am nächsten Morgen dann ab ins Oasis-Guesthouse ( http://guesthouse-oasis.mn/contact-us/ ), dem angesagten Hub für alle Overlander und Biker in Ulan Bator. Hier sollte eigentlich auch Mischa schon angekommen sein, doch keine Spur von ihm. Dafür treffe ich zwei deutsche Bikerpärchen, die auf Weltumrundung sind, ein Berliner Paar im Unimog, einen Japaner auf einer Yamaha, einen spanischen Professor und einen belgischen Radfahrer. Mit einem der zahlreichen Hybridtaxis kutschiere ich in die Stadt. Offenbar fährt die ganze Mongolei Toyota Prius Hybrid. Das liegt zum einen daran, dass Benzin im Verhältnis überdurchschnittlich teuer ist und die Wagen bezuschusst werden. Ausgerechnet in der Mongolei ist die Elektrifizierung des Verkehrs so weit voran geschritten! Ich lasse mein Handy auf dem Bazar reparieren: Es ist ein beeindruckendes Schauspiel, wie der Mechaniker vor meinen Augen das 800 Euro teure Gerät zerfrickelt und ein neues Display einbaut. Anschließend besorge ich eine Simkarte und rufe Mischa an. Er hat inzwischen bei der Familie des Lastwagenfahrers übernachtet und ein MRT im Krankenhaus gemacht. Alle ist soweit ok, er hat ein paar Muskelspaßmen und starke Prellungen. Nachmitags kommt er dann im Oasis schon wieder auf dem eigenen Motorrad an. Abends erreichen uns die beiden Rumänen ebenfalls. Die nächsten Tage genießen wir die Vorzüge der wörtlich zu nehmenden „Oase“. Ehedem von Österreichern aufgezogen hat es hier Almhütten-Flair. Es gibt Wiener Schnitzel mit Pommes und Kaiserschmarren, W-Lan und warme Duschen. Und sogar eine Elektroheizung in der Jurte. Nebenan betreibt ei nJapaner eine Schrauberwerkstatt. Mongolei im Softmodus für die Regeneration also. Zwei Tage später, am Montag früh, sind alle Schäden repariert. Ich verabschiede mich von Vali, Bogdan und Mischa ein letztes Mal. Die Drei möchten zusammen an den Baikal-See fahren und anschließend die Motorräder auf die Transsibirische Eisenbahn in Richtung Moskau verladen.

Ich habe inzwischen Kontakt zu meinem Bekannten in Ulan Bator aufgenommen, bei dem das Motorrad überwintern soll. Nächstes Jahr werde ich zurück kehren, um die Reise durch die Mongolei fortzusetzen. Leider werden wohl sicher knapp acht Monate bis dahin vergehen. Viel zu lang für meinen Geschmack!

 

 

 

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