Das Olchon Tal

Acht Monate sind vergangen, doch während ich mit meiner 300 Kilo Lady in Richtung Olchon Valley schaukele, erscheinen mir die Tage mit Bogdan, Vali und Mischa wie gerade erst vergangen.
Das Oasis-Guestehouse, in dem ich in Ulanbator wieder abgestiegen war, kommt trotzdem vergleichsweise verschlafen daher. Anfang Mai ist in der Mongolei Saison-Beginn, erst im Juni wird mehr los sein. Die Mongolische Tourismus-Branche muss ihren Jahresumsatz in nur drei Monaten, von Juni bis August machen. Neben einem älteren Paderborner Ehepaar mit Landcruiser sind noch drei Jungs im VW-Bus aus Schwäbisch Hall und Esther von der schwäbischen Alb anzutreffen, es herrscht paradisische Ruhe. Gleich noch am Ankunftstag hat Bilgee mit mir das Motorrad aus der Tiefgarage geholt. Seiner Frau habe ich zum Dank Spargel aus Deutschland mit gebracht, den hatte sie sich gewünscht. Batterie rein, ein Druck auf den Anlasser und der Boxer schnurrt. Leider ist das Vorderrad platt, es ist das Ventil, doch ich kann es am nächsten Tag tauschen lassen.
Zwei Wochen habe ich nun Zeit und überlege, wie ich die Zeit bis zum Abflug aus Irkutsk bestmöglich nutzen kann.
Da ich letztes Jahr nicht genug von der Mongolei erleben konnte, möchte ich auf jeden Fall nicht direkt nach Russland fahren. Zumindest die erste Woche muss noch ein kleines mongolisches Abenteuer drin sein. Ich beschließe, am dritten Tag nach Charchorin aufzubrechen, Dschinghis Kahns Hauptstadt, wie man sich erzählt. Der Weg bis dorthin scheint asphaltiert und in einem Tag machbar. Dass es an diesem Tag von 27 auf 5 Grad abkühlen sollte, hatte mir keiner gesagt. Völlig erfroren erreiche ich am Abend ein Guesthouse in Charchorin und wärme mich am Feuer der Jurte auf.
Das budhistische Kloster wirkt erhaben, auch hier scheint man sich auf die Touristen erst noch vorzubereiten. Ein paar Einheimische drehen an den Gebetsmühlen und stecken den Mönchen Geld zu. Ich zähle insgesamt vier ausländische Besucher. Vor dem Eingangsportal wartet ein mongolischer Fahrer auf seine Canadische Touristin. Ob das Orchon Valley mit dem Motorrad befahrbar sei und ich anschließend gen Norden durch einen gestrichelten Berg-Track durchstoßen könne, möchte ich wissen? Als er sich ebenfalls bei einem Einheimischen erkundigt hat, bestätigt er mir: „To the Orchon Waterfall you can make it even today“, „the Ger-Camps (Jurtencamps) are setting up for season, you should be able to stay there.“ Für die Strecke gen Norden rät er mir, in Bat Uzil noch einmal zu fragen. Die Treks verändern sich jedes Jahr und die Wasserläufe ebenso. Ich mache mich auf den Weg und muss mich sogleich wieder an den unbefestigten Untergrund gewöhnen. Ab jetzt heißt es Steine, Sandfurchen, Gewässerdurchfahrten und grün bewachsene Steppe zu meistern. Immer mit Bedacht und nicht zu schnell. Schließlich bin ich diesmal allein und auf den 70km bis Bat Uzil gibt es keine Ortschaften mehr. Wie so sooft in der Mongolei, führt eine Vielzahl von Spuren durch das Tal. Welche die Richtige ist, bleibt dem Bauchgefühl überlassen. Als ich am frühen Nachmittag kurz Pause mache, hält ein Mongole auf seinem chinesischen Motorrad neben mir. Er freut sich über mein Motorrad und bedeutet mir, dass er auch nach Bat Uzil möchte. Ab jetzt fahre ich entspannt hinter ihm her, er scheint jeden Stein hier zu kennen. Im Ort angekommen, suche ich eines der kleinen Restaurants auf und genehmige mir eine Suppe mit Fleisch. Währenddessen versammeln sich die Schuljungs des Ortes um mein Motorrad. Drei davon kratzen ihr Taschengeld zusammen und kommen in die Pinte, in der sie sich mongolischen Milchtee bestellen. Ich vermute, nur um mich zu beobachten.
Zirka 28km hinter Bat Ozil soll es einen Wasserfall geben, den beschließe ich noch zu erreichen. Als die Sonne schon gen Horizont neigt, taucht schließlich ein touristisch anmutendes Ger-Camp vor mir auf. Vor einer der Jurten sitzen zwei blonde Frauen mit einem Mongolen. „I was hoping to find someone who’d speak English“ rufe ich, als ich vor ihnen halte. Es sind Marjolein und ihre Mutter Diane aus Holland mit ihrem Guide Ghana. Ghana scheint mir einer der liebenswertesten Kerle zu sein, die ich bis jetzt getroffen habe. Deshalb ist Diane auch schon zum zweiten mal mit ihm unterwegs. Er hilft mir beim Nachbar-Hirten eine Jurte zu mieten, lässt seinen Fahrer eine Karte der nächsten Etappe für mich zeichnen und lädt mich zum traditionellen mongolischen Abendessen ein. Ich kann mein Glück kaum fassen!

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