Von Bat Uzil durch die Berge nach Zenkher

Am nächsten Morgen mache ich mich auf zum Wasserfall. Ghana ist mit den beiden Damen schon vor mir aufgebrochen, sie wollen in Richtung Charchorin. Mein Gastvater bedeutet mir, ich solle lieber zum Wasserfall laufen. Ich versuche mein Glück trotzdem mit dem Motorrad querfeldein. Der Olchon führt dieses Jahr extrem wenig Wasser und so bleibt mir vom Wasserfall leider nur das trockene Flußbett zu bestaunen. Ich genieße trotzdem die stille Atmosphäre der Einsamkeit und schaue einer Herde Yacks beim Baden in einem Wasserloch zu.
Ghana hatte mir von vulkanischen Quellen im Norden erzählt, in denen man baden könne. Ein lohnendes Ziel für meine heutige Etappe. Einzig, dass ich dabei eine Strecke nehmen muss, die in keiner Karte verzeichnet ist und über zwei Bergpässe führt. Die handgezeichnete Karte von Ghanas Fahrer erweist sich als goldwert. Auf der Rückseite hat er mir noch auf mongolisch:“Wo geht es zu den heißen Quellen?“ aufgeschrieben. Den Zettel würde ich am heutigen Tag noch desöfteren einem der Hirten in den Bergen unter die Nase halten. Zuerst muss ich allerdings die baufällige Brücke über den Olchon finden, die er mir beschrieben hat. Auf der Suche verfranse ich mich in einer Anhäufung von Felsen, schätze eine Steinstufe falsch ein und setze mit einem Krach mit meinem Motorschutz auf. Als ich den Beamer schließlich los bekomme, hängt der Schutz wie ein Lappen am Boden. Die Halterungen sind abgerissen. Es hilft nichts, ich schneide die letzte verbleibende Halterung mit dem Messer durch, und schnalle das Blech auf meine Tasche. Kurz überlege ich, ob ich die Bergetappe trotzdem wagen soll, und ich beschließe sie dennoch, jedoch mit Vorsicht, anzugehen. Die Mongolen schaffen das schließlich mit vielfach schlechteren Motorrädern.
Ich fahre den ganzen Tag. Von Schrittgeschwindigkeit über Holperpisten bis zu 80 Sachen über die Graslandschaft ist alles dabei. Eine Gewässerdurchfahrt ist so tief, dass mir der Atem stockt. Doch das Motorrad zieht zum Glück kein Wasser. Belohnt werde ich mit atemberaubenden Ausblicken auf die grasbewachsenen mongolischen Berge, auf denen im Wechsel die Schafs-, Pferde- oder Yak-Herden der „Anwohner“ weiden. Wie aus dem Bilderbuch.
Als ich am frühen Nachmittag die heißen Quellen erreiche, bin ich ein wenig enttäuscht. Von weitem erkennt man schon den Schriftzug „Ressort“. Ein Ressort ist es zwar nicht ganz, aber hier hat definitiv die Aussicht auf Gewinne und mehr Touristen den Charme des Tals zerstört. Um die Quellen herum haben sich diverse Hotels mit Ger-Camps angesiedelt. Jedes der Camps hat sich ein paar Pools in den Garten gezimmert. Das Wasser wird quer durchs Tal durch lange Rohre in die Pools geleitet. Kein schöner Anblick. Als ich bei einem der Camps nach einer Übernachtungsmöglichkeit frage, wird Ajuka herbei gerufen. Sie spricht drei Worte Englisch und erklärt mir, ein Ger mit Vollpension und Bad im Quellwasser koste 105tsd Tugrik. Die Nacht davor hatte mich 15tsd gekostet.
Da ich keine andere Möglichkeit sehe, willig ich ein. Den Abend verbringe ich als einziger Gast der gesamten Siedlung mit einem Spaziergang zur Quelle – oder vielmehr, was davon unter dem Betonhaus noch zu sehen ist, und natürlich einem heißen Bad.

 

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