Rückweg nach Ulanbator

In der Nacht sinkt die Temperatur wieder kurz über null. Zwar wärmen die Zeltöfen die Gers mollig auf, doch sobald man eingeschlafen und das Feuer niedergebrannt ist, wird es zapfig kalt in der Jurte. Nachdem ich meine Fuhre am nächsten Morgen wieder aufgelastet habe, zieht Regen auf. Ich beschließe, mich dennoch auf den Weg in Richtung Ulanbator zu machen. Als ich auf dem Rückweg an die Furt komme, durch die ich am Vortag schon nur knapp hindurch gekommen bin, passiert es dann. Mitten im Fluß zieht die Maschine Wasser und geht aus. Ich muss die Füße von den Rasten nehmen und spüre, wie mir die Stiefel mit dem eiskalten Flußwasser voll laufen. Doch das ist vorerst das geringste Problem. Es hilft nichts, ich laste das Motorrad ab und versuche zu schieben. Doch zwecklos, das Motorrad steht im morastigen Sandbett des Flußes und lässt sich kaum bewegen. In der Ferne kann ich zwar Tierherden sehen, doch die Hirten würden mich eh nicht hören. Immer wieder lasse ich den Anlasser leiern, erinnere mich das Erics Maschine damals in Kirgisistan auch wieder ansprang. Als die Batterie kurz vor dem Aufgeben ist, lässt sich dann doch noch eine Zündung im Zylinder vernehmen. Schließlich blubbert der Boxer wieder und stößt weiße Wasserwölkchen aus dem Auspuff. Mit der Kraft des Motors bekomme ich das Moped wieder frei.
Während ich mich umziehe, kommt dann doch ein Hirte auf dem Motorrad mit seinen Yaks an die Furt. Er nimmt die Passage deutlich weiter links, dort, wo der Fluß breiter und folglich weniger tief ist. Das nächste mal werde ich mich dessen hoffentlich erinnern. Ab Zenkher ist die Straße dann wieder die letzten 450km bis nach Ulanbator asphaltiert. Wärmer als 10 Grad wird es am heutigen Tag nicht, und so erfreue ich mich meiner beheizten Jacke, die ich extra für diesen Trip aus Deutschland mitgebracht habe. Zurück in der Oase kann ich nicht anders, als mir Schnitzel mit Pommes zu bestellen.

Beim Frühstück unterhalte ich mich länger mit Degi, der mongolischen Geschäftsführerin des Oasis, die Deutsch mit Schweizer Akzent spricht. Sie hat das Oasis vor fünf Jahren mit Ihrer Familie übernommen, die Tochter Zeke (ich habe sie letztes Jahr getroffen), die gerade in Australien Englisch lernt, hat Abenteuer-Tourismus studiert. Sie möchte das Oasis mittelfristig managen. Degi arbeitet eigentlich für eine Schweizer Hilfsorganisation und hat viele Kontakte in den Alpenstaat. Das Oasis ist „nur“ ihr zweiter Job, während die Tochter nicht da ist. Wenn das Oasis Überschüsse erwirtschaftet, gehen diese an die Hilfsorganisation. Doch bisher geht sich der Gastbetrieb gerade so aus, wie sie mir erklärt. Wo sie die größten Probleme in der Mongolei sieht, möchte ich wissen? „Weißt Du“, antwortet sie mir, „die Mittelschicht wie wir, die hat es schwer in der Mongolei. Es gibt die Reichen, die Parlamentarier zum Beispiel, denen die ganzen Firmen und Unternehmen gehören. Und es gibt die Armen, die Viehzüchter z.B., die so gut wie gar nichts haben. Die Mittelschicht, die ist so gut wie gar nicht existent und bekommt kaum Anreize oder Erleichterungen durch die Politik.“
Die Arbeitslosigkeit in der Hauptstadt sei recht hoch, dies führe dann beispielsweise zum im Stadtbild sichtbaren Alkoholismus und somit zu Scheidungen und Familientragödien. Viele der Firmen in der Mongolei seien auch durch die Chinesen oder Koreaner gesteuert, was den Mongolen natürlich auch nicht zu gute kommt. Doch die mongolische Regierung sei ohne richtiges Konzept für die Lösung dieser Probleme.
Und die medizinische Versorgung auf dem Land? „Wenn die Frauen der Nomaden ein Kind erwarten, dann müssen sie zirka einen Monat vor der Geburt in ein Spital im nächsten Ort. Dort erwarten sie dann ihre Niederkunft. Und die Schulkinder kommen in der Regel in ein Internat.“ erklärt mir Degi weiter. „Die Eltern meines Mannes sind Viehzüchter“, erzählt sie weiter, „doch wenn wir sie besuchen, kann ich selbst auch nicht mehr länger als eine Woche bleiben“, zu sehr habe sie sich an den Komfort des Stadtlebens gewöhnt.
„Doch weißt Du“, führt sie das Gespräch fort, „trotz allem ist die Zufriedenheit in der Mongolei höher als die in der Schweiz oder Europa. Ihr habt alles und seid trotzdem oft unzufrieden, oder? Das geht den Viehzüchtern auf dem Land bei uns nicht so. Sie kennen es nicht anders und sind zufrieden.“ Und dann erzählt sie mir noch einige Geschichten von Europäischen Gästen, die versuchen, das Geld fürs Waschen oder die Übernachtungen im Oasis um einige Euros herunter zu handeln.
Ich nutze die Tage in UB, um meinem Motorrad etwas Liebe und frisches Öl zukommen zu lassen und mich ein wenig zu erholen. Wieder bin ich der einzige Gast im Oasis. Zwar kommen zwischendurch Herbert, ein Deutscher Rentner, der seine Mercedes G-Klasse meist irgendwo in der Welt auf sich warten hat und ein australisches Pärchen auf einen Schnack vorbei, doch nur um Wasser zu tanken und gleich wieder los zu starten. Herbert war den letzten Winter am Baikal unterwegs und hat wertvolle Tips für die Region parat. Am nächsten Morgen möchte ich in Richtung Russland aufbrechen.

Hier gibt’s die Videozusammenfassung aus der Mongolei:

 

 

Ein Kommentar zu “Rückweg nach Ulanbator

  1. Das klingt fantastisch…ich wünsche dir viel Glück, eine gute Weiterreise und bei der nächsten Furt etwas weniger Wasser 😉 Lieber Gruß Wilhelm

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