„You go Airport, you go Esenboğa“, versucht mir der BMW-Mechaniker der Niederlassung in der Innenstadt in Ankara zu erklären. Es hilft leider nichts, er kann kein Englisch, ich kein Türkisch, wir kommen nicht zum Ziel. Ich ziehe eine Passantin hinzu, die etwas mehr Englisch spricht, doch auch das bringt uns nicht weiter. Eigentlich wollte ich nur fragen, ob ich bei der Niederlassung Gaziantep die richtigen Reifen für mein Motorrad bekomme. Dafür will er mich jetzt zur 40 Kilometer entfernten Zweigstelle am Flughafen schicken? Schließlich gebe ich mich geschlagen und trete die halbstündige Fahrt durch Ankara an. Die Stadt kommt deutlich sauberer und entspannter daher als Istanbul. Manche Straßenzüge erinnern fast an deutsche Großstädte, der Verkehr ist erträglich. Während ich zum Flughafen gondele, choppern regelmäßig Kampfhubschrauber über mich hinweg. Ich erkenne einen Black Hawk, und frage mich ob er wohl aus dem Einsatz im Osten kommt. In Esenboğa angekommen, bin ich froh, hergefahren zu sein. Es empfängt mich der überaus hilfsbereite Nizzet Hacigüzzeler (30). Seit vier Jahren arbeitet der studierte Historiker im Service bei BMW. Sein Herz schlägt natürlich ebenso für die Zweiräder wie meines. „Schreib ruhig, dass Nizzet sehr traurig ist, weil er sein Motorrad für seine Hochzeit verkaufen musste!“, erklärt er lachend.  Immerhin hat er noch ein kleines Moped zum pendeln und kann sich gelegentlich eins in der Firma ausleihen. Er nimmt sich endlos Zeit, hin und her zu telefonieren und sich nach Reifen und Mechanikern zu erkundigen. Schließlich hat er einen Reifenhändler in Ankara gefunden, der mir die passenden Reifen nach Adana schicken wird. Sobald ich dort bin, steht dann die dortige Niederlassung bereit, mir diese aufzuziehen. Ich fahre also wieder zurück nach Ankara, wo sich der Reifenhändler als hiesige Touratech-Niederlassung entpuppt. Ich entscheide mich für ein paar Bridgstone Trailwings, die sollen zwar Mittelmaß sein, aber eine hohe Laufleistung bringen. Wir trinken Instant-Kaffee und führen Benzingespräche. Als ich anschließend zurück in die Wohnung meiner Großcousine kehre, die an der Bilkent-Uni als Chemieprofessorin lehrt und bei der ich untergekommen bin, wird mir klar, dass ich von Ankaras Sehenswürdigkeiten keine einzige mitgenommen habe. Dafür will ich mir am nächsten Tag eine Nacht in Göreme, Kappadokien, genehmigen. Der Kulturpark gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

 

Es rattert und surrt im Geldautomaten, dann folgt der Absturz – und meine Kreditkarte ist im Schlund der Maschine verschwunden. Als ich hilflos versuche, die türkische Nachricht auf dem Automaten zu entziffern, kommt mir Kadir zur Hilfe, ein Kurde der in Schweden lebt und auf Heimaturlaub ist. Er kann mir zwar den Satz übersetzen, aber die Karte bekomme ich trotzdem nicht zurück. Wir treffen uns abends wieder, um in Istanbul auszugehen. Er ist in Begleitung zweier Ukrainerinnen, die er ebenso zufällig kennen gelernt hat wie mich. Alisa (28) und Liubov (30) sind für einige Tage in Istanbul, um ihren gemeinsam gedrehten Doku-Film „Alisa in Warland“, bei den 8. TRT Documentary Awards zu repräsentieren. In den vergangenen zwei Jahren waren sie mit den Dreharbeiten beschäftigt: Der Film begleitet Alisa, die in Kiev Dokumentarfilm studiert, von der Maidan-Revolution, über ihre Gefangennahme durch prorussische Separatisten bis zu ihrer Reise an die Ostfront. Liubov hat dabei Alisa gefilmt, Alisa den Krieg. Sie schließt sich dort einer proukrainischen, rechtsgerichteten Freiwilligentruppe an, anfangs um den Krieg mit der Kamera zu dokumentieren, später identifiziert sie sich mit den Kämpfern und singt ihre patriotischen Lieder mit. Weil sie immer mehr die Distanz verliert, setzt sie ihre Beziehung zu einem französischen Korrespondenten aufs Spiel. Seit der Film erstmals auf dem International Documentary Filmfestival Amsterdam gezeigt wurde, tingeln Alisa und Liubov damit um die Welt. Bevor sie in zwei Tagen nach Warschau fliegen, machen wir mit Kadir die Nacht zum Tage.

Leider erreicht mich in Istanbul auch die schlechte Nachricht, dass mein Visum für den Iran zum wiederholten Male abgelehnt wurde. Ich werde trotzdem noch einmal in der Iranischen Botschaft Istanbul vorstellig. „Was kann ich tun, um noch den Stempel zu bekommen“, frage ich den Mann am Schalter und er antwortet: „Ich weiß es nicht.“ Ein Anruf im Konsulat in Frankfurt bleibt ebenfalls erfolglos. Nachdem ich mir mittags den Film der beiden Ukrainerinnen angesehen habe, schlendere ich in der Dämmerung an der Vodafone-Arena vorbei. Hier gewinnt Besiktas gerade die Meisterschaft. Ein Stadtviertel im Ausnahmezustand, schon zur Halbzeit als es 2:0 stand! Ich versuche, schnell den sicheren Hafen meines Hostels zu erreichen. Am nächsten Tag geht es erst einmal weiter nach Ankara.

Leeres Istanbul

Ich verlasse Mazedonien und überquere die Grenze ein weiteres Mal in Richtung Griechenland. Die Flüchtlingskrise macht sich auch weiter südlich immer wieder durch kleine Camps am Straßenrand bemerkbar. Zum Teil sind ganze Raststationen mit Zelten voll gestellt. Ansonsten besticht Griechenland durch die besten Autobahnen, die ich seit langem gesehen habe. Für rund 400 Kilometer zahle ich weniger als sechs Euro Maut und zeitenweise fahre ich völlig allein. Die Kassenhäuschen sind trotzdem alle besetzt. In Alexandroupolis übernachte ich noch einmal kurz vor dem Grenzübergang in die Türkei. Der türkische Straßenverkehr überfordert mich anfangs etwas, es gilt das Recht des Stärkeren und als Motorrad zieht man im Zweifel den Kürzeren. In Istanbul angkommen erwartet mich eine wie gelähmt wirkende Altstadt. Die vielen Souvenir-Händler sitzen gelangweilt vor Ihren Geschäften und trinken Tee, die Cafes und Bars sind oft fast komplett leer. Harun (30), der Wirt einer kleinen Bar mit Namen „The Happy Hole“ direkt hinter der Hagia Sofia, erklärt mir, dass er dieses Jahr bis zu 50 Prozent Umsatzeinbußen hat. „Das hängt mit den zwei Bombenattentanten zusammen, die es dieses Jahr in Istanbul gegeben hat“, sagt er. Was wir beide nicht wissen: Während wir sprechen geht im Stadtviertel Sancaktepe eine weitere Bombe in der Nähe einer Militäranlage hoch. Zum Glück werden nur fünf Menschen verletzt. Harun ist eigentlich in Malatya als Sohn eines türkischen Luftwaffensoldaten aufgewachsen. Seit 2006 lebt er in Istanbul, kam zum Studieren hierher. Das Studium hat er abgebrochen und stattdessen vor zwei Jahren  die Bar übernommen. Eine Fehlentscheidung, stellt er zerknirscht fest: „Wenn es so weiter geht, kann ich die Bar in einem Monat dicht machen“. Sogar etablierte Geschäfte würden aufgegeben, ein benachbartes Hotel sei nach acht Jahren wieder aufgeben worden. An Präsident Erdoğan lässt eigentlich keiner ein gutes Wort, mit dem ich mich unterhalte. Harun findet, er sei ein Lügner: „In Kilis werden unsere eigenen Leute vom IS bombardiert, und Erdogan tut nichts!“ Nicht zuletzt liege es auch am Präsidenten, dass keine Touristen mehr kommen. Dass dafür umso mehr Flüchtlinge in die Türkei strömen, scheint ihn weniger zu stören. Harun sieht vielmehr einen Nutzen darin: „Europa braucht uns, damit wir den Flüchtlingsstrom hier kontrollieren“, sagt er, „aber wir können mit den Syrern umgehen, wir kommen aus der gleichen Region und kennen uns mit solchen Problemen aus“.

Das erste, was mir in Gevgelija auffällt, sind die riesigen Casinos auf der mazedonischen Seite der Grenze. Ein großer Klotz nach dem anderen steht neben der Autobahn. Dort treffe ich Tome, den Besitzer meines Bed & Breakfast, an einer Tankstelle. Seine Pension liegt etwas abseits im kleinen Dorf Stojakovo, den Weg würde ich alleine nicht finden. Am nächsten Morgen wird er mir mit einem Augenzwinkern erzählen, dass die griechischen Bauern in diesen Casinos ihre EU-Subventionen verspielen. In Stojakovic angekommen, lerne ich Tobias aus Schweden kennen. Er ist als Volunteer hierher gekommen, arbeitet für Refugees Welcome im Camp Cherso. Er erzählt, dass Idomeni das einzige Camp sei, in das man einfach hineinlaufen könne, da es ein inoffizielles Lager  sei. Bei allen anderen müsse man sich akkreditieren. „Du musst Dir Idomeni in etwa so vorstellen wie auf einem Musikfestival“, sagt er: „Es riecht nach Lagerfeuer und Exkrementen und überall stehen Zelte – es ist chaotisch“. Am nächsten Tag bekomme ich beim Frühstück die Gelegenheit, mich ein wenig mit Tome zu unterhalten. Freilich gebe es jetzt mehr Übernachtungsgäste durch das Camp auf der anderen Seite der Grenze, doch die gebe es durch den Grenzverkehr ohnehin. Er und die Leute hier seien froh, dass die Grenze nun dicht sei, die Zustände vorher wären unhaltbar gewesen. Er ist überzeugt, dass Mazedonien die Grenze auf Geheiß der EU schließt. „Wir wollen ja Mitglied werden, also machen wir, was man uns sagt“.

Ich mache mich auf den Weg, um mir selbst ein Bild zu machen.

Über die Autobahn geht es zwischen Casino Princess und Casino Flamingo zur Grenze. Danach  passiere ich gleich drei verschiedene griechische Polizeiposten. Einer hält mich an, der Polizist interessiert sich allerdings vor allem für mein Motorrad. „Ja, zum Camp geht es da lang“, zeigt er mir. Was denn mit den Flüchtlingen passieren wird? „Wir haben nicht die geringste Ahnung“, entgegnet er achselzuckend und fügt dann noch hinzu: „Und alles wegen Eurer Bundeskanzlerin“.

Ich fahre an verschiedenen Ansammlungen von Zelten vorbei, bis ich direkt an den vom Zaun abgegrenzten Bahngleisen stehe. Die Gleise in Richtung Mazedonien werden von zwei Polizeibussen versperrt. Das Lager wirkt wie eine kleine Stadt. Gemüsehändler bieten ihre Ware an, an einer Ecke wird frisiert, dahinter bieten ein Dutzend Zigarettenverkäufer lautstark ihre Ware an. Auf einer alten Blechtonne wird Brot gebacken und verkauft.  Während ich über die Gleise schlendere und eine junge Syrerin fotografiere, gibt es in der Nähe Geschrei. Schnell hat sich eine Zuschauermenge gebildet, es sind Araber und Kurden, die aneinander geraten sind, keiner kann mir erklären, warum. Neben den ganzen kleinen Igluzelten, gibt es auch mehrere große Zelte, die anscheinend Hilfsorganisationen aufgebaut haben. In der „Ladenstraße“ sitzen drei junge Männer hinter Kisten mit Tomaten. Als ich andeute, dass ich gerne fotografieren würde, winken sie mich gleich herbei und bieten mir ein Bier an. Der jüngste ist Abdul Kadir (19), er spricht leidlich Englisch und übersetzt. Der Laden gehört John (30), er ist mit Frau und zwei Kindern hier her gekommen. Dann ist da noch Rebas (22), er ist kurdischer Christ. Alle kommen aus Aleppo, sagen sie. John war in Syrien ein Art Modedesigner erklärt er mir, bis er sich vor fünf Monaten mit Frau Gulistan und den Töchtern Ajin (4) und Kajin (2) auf den Weg gemacht hat. Seit drei Monaten sind sie nun in Idomeni. Er glaubt zwar nicht, dass sich die Grenze noch öffnet, wartet aber trotzdem auf eine „Gelegenheit“ nach drüben zu kommen. Dann will er nach Schweden, weil er glaubt, dass in Deutschland schon zu viele Flüchtlinge seien. Da ihm so langsam das Geld ausgeht, hat er den Gemüseladen angefangen.

Ein paar Meter die Straße hinunter fallen mir zwei Griechen auf, die im Straßenkehrergewand sauber machen. Einer davon ist Giorgio (56). Er spricht sogar Deutsch, hat mehrmals bei Daimler in Stuttgart als Ferienjobber gearbeitet. Vor einigen Monaten hat er neue Arbeit gesucht, da kam die Stelle als Hilfskraft in Idomeni gerade recht. Er wir von Ärzte ohne Grenzen bezahlt. Überhaupt scheint die Organisation recht viel der wenigen professionellen Einrichtungen in Idomeni zu stellen. Neben mir höre ich Englisch mit amerikanischem Akzent. Eine unabhängige Ärztin ist mit einer bunten Truppe in selbstgenähten Rot-Kreuz-Gewändern unterwegs. Sie versuche, in den vorgelagerten Camps, außerhalb von Idomeni, kranke Kinder zu identifizieren. „Ich bin kürzlich geschieden worden, und brauchte mal was anderes“, sagt sie.

Als ich zum Motorrad zurückkehre, tobt daneben eine Kinderhorde herum. Es scheint, dass viele der Kinder völlig unausgelastet sind. Ständig wollen sie meine Kamera anfassen, oder ärgern einen, um nur ein bißchen Aufmerksamkeit zu erlangen. Zwischen den Kindern entdecke ich zwei Blondschöpfe. Benedikt (22) aus Fürth und sein Kumpel sind Volunteers bei Hot-Food Idomeni, und spielen nach der Essensausgabe noch ein bißchen mit den Kids. Im Parkhotel in Polikastro kochen sie täglich, zusammen mit anderen Volunteers, mehrere tausend Mahlzeiten für die Flüchtlinge. Dann wird das Essen in zwei Schichten nach Idomeni gefahren. Benedikt hat bereits im März auf Hios gearbeitet, jetzt ist er trotz laufenden Semesters für zwei Wochen nach Idomeni zurück gekehrt. Er studiert Soziologie und Politik in Erlangen. Ironischerweise schlafen auch er und sein Kumpel im Zelt. Allerdings im Garten des Parkhotel in Polikastro. Der Besitzer gestattet das gegen ein paar Euro.

Mit gemischten Gefühlen kehre ich in meine mazedonische Idylle Stojakovo zurück. Beim Abendessen beobachte ich die vielen Störche, die seit Jahrzehnten im Dorf brüten. Am nächsten Tag will ich weiter Richtung Türkei.

Es ist Erholungszeit Sonntags früh im Feldlager Prizren. Trotzdem empfangen mich Presseoffizierin Christiane Perthel und ihr Nachfolger pünktlich um 08:45 Uhr am Kasernentor, um mich zum Gespräch mit dem Kommandeur zu begleiten. Für Soldaten im Einsatz gibt es kein dienstfrei, lediglich sonntags gewährt der Dienstherr ein bißchen Ruhe. Das Camp wirkt wie ausgestorben. Das liegt nicht nur am Tag, sondern auch daran, dass hier nur noch etwa 450 deutsche und insgesamt ca. 660 Soldatinnen und Soldaten ihren Dienst tun. Zu Hochzeiten bevölkerten bis zu 3000 Männer und Frauen das Lager. Der Kommandeur des 43. Deutschen Einsatzkontingents KFOR, Oberst Hans-Jürgen Freiherr von Keyserlingk, empfängt mich in seinem Büro im Stabsgebäude. Es ist sein dritter Einsatz im Land, er war 2004 und 2014 schon einmal hier. Mich interessiert wie er die Entwicklung des Kosovo bewertet. „Es hätte mehr Fortschritt geben können“, sagt er, immerhin sei das interethnische Thema heute weitestgehend Vergangenheit. Trotzdem gebe es nach wie vor Probleme mit der Energieversorgung, dem Müll, dem Umweltschutz. Wichtig ist, betont er, dass die Leute heute in Frieden leben können. Dafür sei die Bevölkerung des Kosovo den KFOR-Truppen immer noch dankbar. Warum er den Einsatz der Bundeswehr dann noch für wichtig hält? „Stellen Sie sich die Frage nach der sicherheitspolitischen Relevanz des Kosovo für Deutschland“ antwortet er, und dies sei seine persönliche Meinung, „dann ist der Kosovo ein wichtiger strategischer Vorhof für uns auf dem Balkan.“ Und diese Stellung würde er nicht leichtfertig aufgeben: Schließlich biete der Kosovo als hauptsächlich islamisch geprägtes Land auch Möglichkeiten zur Einflußnahme durch den IS. Die Flüchtlingskrise ist an der Region allerdings vorbeigezogen, berichtet der Oberst noch. „Wir waren vorbereitet auf eine mögliche Route der Flüchtlinge durch den Kosovo, doch das Thema ist am Land vorbei gegangen.“

Ich verabschiede mich, möchte am gleichen Tag noch die südliche Grenze Mazedoniens erreichen. Ich folge der Bistrica flußaufwärts. In Mushnikove hat die Polizei die Straße abgesperrt. Reiche Auslandskosovaren veranstalten jährlich ein Tuning-Autorennen über den dahinter liegenden Bergpass, um ihre tiefer gelegten Boliden zu testen. Ein Endzwanziger mit schweizerischem Zungenschlag erzählt mir von seinen drei Porsches. Ein bis zwei Stunden müsse ich wohl warten, erklärt er mir. Ich beschließe, die Zeit zu nutzen und mich in einem zum Auto- Waschplatz umfunktionierten Rohbau einzurichten. Die zwei Brüder welche die Autos für die wohlhabende Diaspora aus der Schweiz waschen, beäugen mich und das Motorrad neugierig. Ich zeige ihnen Bilder auf dem Laptop, wir trinken Cola. Was eine Autowäsche mit Innenreinigung in Deutschland koste, will der eine wissen. Sie bekommen zu zweit drei Euro dafür. Mit reichlich Verspätung erreiche ich gegen 20 Uhr Gevgelija in Mazedonien.

Kosovo, das Land das es laut unserem Hotelpagen in Belgrad gar nicht gibt. “Of course is Kosovo part of Serbia! And it always will be!”, sagt er zur politischen Lage. Eine Annäherung Serbiens an die EU sieht er kritisch, nachdem die UEFA den Kosovo zur EM zugelassen hat.Bei der Einreise von Montenegro zeigt sich der souveräne Staat aber deutlich: Ich werde von der Kosovo Police Force kontrolliert. Nach der Übernachtung in Milans Datsche haben sich Martins und meine Wege getrennt. Er möchte über Bosnien zurück nach Deutschland, ich weiter Richtung Süden. Nachdem ich den 1800 Meter hohen Kula-Pass, auf dem immer noch Schnee liegt, überwunden habe, schlängelt sich die Straße hinab zum Grenzübergang. Besnik (29) verkauft mir dort eine KfZ-Versicherung, die Grüne Versicherungskarte gilt im Kosovo nicht. „Ich spreche auch Deutsch“, sagt er stolz.  Besnik hat von 1999 bis 2001 die Bismarckschule in Memmingen besucht. Allein die zwei Jahre hätten gereicht, dass er heute eine deutlich bessere Ausbildung als die meisten Anderen im Kosovo habe, berichtet er. Und bleiben wollte er offensichtlich auch nicht: Die mögliche Heirat einer deutschen Kosovarin habe er ausgeschlagen, heute lebe er glücklich mit Frau und zwei Kindern in Pec.

Knapp zehn Jahre ist es her, dass ich zuletzt den Kosovo besucht habe. Kurz nach der Grenze flippen drei Halbstarke auf Mopeds völlig aus, als sie mich sehen. Sie fahren mir nach, überholen mich, lassen sich zurück fallen und Johlen aus Bewunderung über mein Motorrad. Alle drei ohne Helm natürlich. Außer dieser stereotypen Begegnung entspricht der Kosovo nicht mehr wirklich dem, was ich in Erinnerung habe. Auf dem Weg nach Prizren fällt mir vor allem die nagelneue Autobahn auf, über die ich dahingleite. Rechts und links säumen Tankstellen und ein Baustoffunternehmen nach dem anderen den Weg. Es gibt weniger unverputzte Häuser als damals. In Prizren angekommen finde ich eine Stadt vor, die überquillt von balzwilligen Teenagern in knallengen Klamotten. Es ist eine Art Frühlingsfest mit Autoscooter und Kettenkarusell direkt vor dem Feldlager der Bundeswehr aufgebaut. Am heutigen Samstag sind deshalb busseweise Tagesausflügler aus der Region heran gekarrt worden. Zwischendrin ist oft auch Deutsch oder Schwitzerdeutsch zu hören. Viele Kosovaren aus der Diaspora sind auf Frühlingsurlaub hier. Auf dem Weg zur Kalaja-Festung erklärt ein Vater seinem kleinen Jungen auf schweizerisch, dass das Viertel vor einigen Jahren noch zerstört war. Heute stehen hier etliche Neubauten. Während ich von der Festung auf Prizren blicke, erinnere ich mich an den Besuch der damaligen Kanzlerkandidatin Angela Merkel, während meines Auslandseinsatzes 2005.

Mein Kumpel Martin schimpft und flucht vor sich hin. Nach einem traumhaften Motorrad-Tag mit endlich halbwegs gutem Wetter, haben wir die letzte Nacht in Bijelo Polje in Montengro verbracht. Heute wollten wir eigentlich einen Rundkurs über Kolasin fahren, doch schon am Morgen hat seine BMW einen Fehler an der Wegfahrsperre angezeigt. Nun stehen wir an einer Tankstelle in Mojkovac und das Motorrad macht keinen Mucks mehr. Die Ringantenne der Wegfahrsperre ist kaputt und lässt ihn das Motorrad nicht starten. Ein Mann spricht uns in gebrochenem Deutsch mit schwäbischem Einschlag an, er hat mein Stuttgarter Kennzeichen bemerkt. Ob wir ein Problem hätten, er wolle gerne helfen. Er habe selbst einige Zeit in der Nähe von Stuttgart verbracht und sei nun zurück gekommen. Milan (48) hat von 1990 bis 1997 in Marbach und Brackenheim gelebt, um dem Krieg zu entgehen. Inzwischen ist der studierte Geschichtslehrer in seiner Heimat ein angesehener Bauunternehmer. Er telefoniert für uns mit einem BMW Händler in Podgorica, doch der repariert nur PKW, keine Motorräder. Wir versuchen es mit Kontaktspray und kriegen die Maschine immerhin wieder an. Er habe nicht weit von hier in den Bergen ein paar kleine Ferienhäuser gebaut, sagt Milan, die wolle er uns gerne zeigen und uns dort zum Essen einladen.

Bei hausgemachtem Käse, Speck und Brot sitzen wir wenig später auf einer Terrasse in den Bergen und blicken ins malerische Tal des Flußes Tara hinab. Milan möchte gerne Werbung für seine Region machen, will den Tourismus wieder ankurbeln. Vor 35 Jahren gab es hier in der Region jede Menge Touristen, heute jedoch kaum. Er wisse nicht warum. Gleichzeitig möchte er sich mit dem Ensemble von kleinen Ferienhäußchen auch selbst einen Rückzugsort schaffen, dem anstrengenden Leben als Bauunternehmer aus Podgorica in die Berge entfliehen, das eigene Gemüse anbauen. Entschleunigung auf montenegrinisch sozusagen. Wie er den Balkan-Konflikt bewerte frage ich ihn. In Montenegro haben wir Orthodoxe, Moslems und Christen zu gleichen Teilen und deshalb kaum Probleme, sagt er. Für ihn spiele das keine Rolle, er fühle sich einzig als Montenegriner! Er ist sich auch 100 Prozent sicher, dass es in Montenegro keinen neuen Konflikt geben wird. Wenige Stunden und einige Slibowic später sitzen wir am warmen Ofen und essen gegrilltes Fleisch. Wir haben seine Einladung angenommen, die Nacht in der Hütte zu verbringen.

In der Berichterstattung der letzten Monate hatte ich unter anderem gelesen, dass Belgrad eine Durchgangsstation für Flüchtlinge auf dem Weg nach Norden sei. Doch bis heute Mittag hatten wir dafür kaum Anzeichen finden können. Als wir entlang einer Grünanlage hinter dem Bahnhof schlendern, ändert sich das. Man kann deutlich erkennen, dass hier vor kurzem jede Menge Zelte gestanden haben müssen, das Gras ist verschwunden. In der Mitte des Platzes tummelt sich eine größere Gruppe junger Männer um eine improvisierte Essensausgabe. Bei den meisten müßte es sich um Afghanen handeln. Ich spreche eine größere Familie an, die sich am Rand auf den Boden gesetzt hat. Sie kommt aus Kabul und möchte noch weiter zu einem Auffanglager in der Nähe. Der Vater bedeutet mir freundlich, dass ich seine Kinder fotografieren dürfe, ihn und die beiden Frauen die dabei sind lieber nicht.

An der improvisierten Essensausgabe fallen mir drei westliche Frauen auf, die ich anspreche. Sie sind unabhängige Volunteers, die das Essen organisiert haben. Selma (21) aus Russland beantwortet mir bereitwillig meine Fragen. Eigentlich ist sie halb Kubanerin und halb Russin, in den USA aufgewachsen und wird nun in Russland studieren. Während sie in Rumänien auf einer Farm als freiwillige Helferin gearbeitet hat, lernte Sie Leute kennen die von der Volunteer-Arbeit in Belgrad erzählten. Seit drei Wochen ist sie nun hier und versucht den ankommenden Flüchtlingen am Bahnhof wenigstens eine warme Mahlzeit zu bieten. Bis zur kürzlichen Wiederwahl des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić habe es am Bahnhof ein Willkommens-Zentrum gegeben, in dem die Flüchtlinge sich mit Kleidung und Essen hätten versorgen können. Zwei Tage nach der Wahl kam die Polizei, räumte den Park und riss das Zentrum ein. Es gebe nun weiter draußen das Auffanglager, in das auch die afghanische Familie fahren will. Viele Flüchtlinge bevorzugten es jedoch am Bahnhof zu bleiben, da sie ohnehin weiter nach Norden wollten. Sie hätten Angst, dass diese Möglichkeit vorbei sei, sobald sie in Serbien registriert seien. Noch ungefähr drei Wochen möchte Selma in Belgrad helfen. Dann wird sie nach Moskau gehen, um dort Cinematography zu studieren.

Belgrad ist das Ziel. Wir beschließen einen Schlenker über Vukovar und Novi Sad zu nehmen. Vukovar wurde 1991 mehrere Monate lang von der Jugoslawischen Volkarmee belagert, bis es schließlich zur Eroberung und ethnischen Säuberung von Kroaten und Nichtserben kam. Heute zeugt einzig der zerbombte Wasserturm von den Greueltaten. Er wurde als Mahnmal stehen gelassen. Als wir anschließend an der Grenze zu Serbien anstehen, feixen wir mit zwei Jungs auf einem gammeligen Motorroller herum. Sie sind auf dem Heimweg nach Serbien und arbeiten tagsüber auf der kroatischen Seite. Wir folgen der Donau entlang über Novi Sad nach Belgrad. Die Stadt überrascht durch ihre freundlichen Menschen und kosmopolitischen Flair.

Enttäuscht sei er von Serbien und betont die Aussage mit einigen Kraftausdrücken. Samhi (28) ist einer von drei Tunesiern die wir im Metropolis Music House, einem Plattenladen mit integriertem Bistro, kennen lernen. Samhi lebt seit 2013 in Belgrad und ist mit seinen beiden Tunesischen Freunden Johnny (30) und Seif (26) unterwegs. Wir hätten gerade drei von insgesamt 40 in Serbien lebenden Tunesiern kennen gelernt, betonen sie mit einem Schmunzeln. Johnny und Seif sind verheiratet und haben Kinder hier. Samhi hat die Schnauze voll von dem Land, er wird bald nach Kanada weiter ziehen. Mit 19 hat er das Elternhaus in Tunis verlassen um in Istanbul Bauingenieurswissenschaften zu studieren. Hier lernt er seine damalige Freundin aus Serbien kennen und beschließt 2013 nach Belgrad mit ihr zu ziehen. In Belgrad eröffnet er das Hostel Azzul, doch das hat er vor einigen Monaten abgegeben. Es sei immer wieder eingebrochen worden, doch die Polizei habe nichts unternommen, da er als Tunesier hier keine Rechte habe. Er fühlt sich diskriminiert. Dennoch läßt er sich nicht unterkriegen, möchte nun nach Kanada, seiner inzwischen in die USA gezogenen, serbischen Exfreundin ein wenig näher sein.

Das Einzige, was ich finde, wenn ich Kroatienkrieg und Medari googele, ist ein Doku-Blog vom österreichischen Regisseur Michael Glawogger aus der SZ von 2013. Uns geht es heute genauso wie ihm damals. Während wir über die Landstraße Richtung Slavonski Brod blubbern, steht am Straßenrand ein zerschossenes Haus nach dem Anderen. Wir halten vor der zerstörten Kirche in Medari, und uns wird bewußt, dass es keine 30 Jahre her ist, dass hier der Krieg tobte. Nicht weit entfernt begannen damals die von den Serben bewohnten Gebiete, die Krajina, um die damals heftig gekämpft wurde. Teils werden die zersiebten Häuserfronten von bunten Vorhängen in den Fenster unterbrochen, manche Häuser sind bewohnt. Ab und zu ist eine Frau mit Einkäufen oder ein Bauer mit Schubkarre zu sehen. Nach wie vor unfassbar, dass sich hier in den 90igern gegenseitig massakriert wurde.

Gegenüber unserem Hotel in Slavonski Brod liegt eine Bar mit Namen Evergreen. Hier treffen wir Andrina (nicht ihr richtiger Name) und ihren Freund. Andrina spricht fließend Deutsch, kam als 16jähriger Flüchtling aus Slavonski nach Berlin und hat dort von 1991 bis 2006 gelebt. Ihr hat es gut gefallen, sie hat sich mit Putzen über Wasser gehalten, leider nie eine permanente Aufenthaltserlaubnis in Deutschland bekommen. Nachdem sie die Anwaltskosten des unendlichen Verfahrens bald in den Ruin getrieben haben, wird sie schließlich abgeschoben. Sie kehrt zurück in den Geburtsort. Man spürt, dass sie nicht gerne darüber redet, zu viel käme dabei wieder in ihr hoch. Als ich sie frage, ob sie sich fotografieren lassen würde, wird sie schüchtern. Sie habe immer noch jede Menge Verwandschaft in Deutschland, die sollten sie nicht montags in der Kneipe sehen.