„Dokumenty“ verlangt der Polizeibeamte, nachdem er mein Motorrad umrundet hat. Und dann fügt er noch hinzu:“Moto-Passport“ – und einige russische Wörter, die ich nicht verstehe. Es ist Dienstag, zehn Uhr morgens und ich bin nicht einmal zwei Kilometer aus Vladikavkas hinaus gefahren, da werde ich von der Straße gewunken. Ich solle einen Alkoholtest machen, bedeutet er mir. Da ich in den letzten drei Tagen exakt zwei Bier getrunken habe, sehe ich kein Problem. Doch an seinem vergammelten Plastikkästchen leuchtet die Lampe jetzt rot. „Problem“ sagt er, als er mir mit hoch gezogenen Augenbrauen einen ernsten Ton vorspielt. Ich kann mir denken, wohin die Situation führen wird, doch noch gebe ich mich selbstbewusst und entgegne, dass ich mir sicher bin, nichts getrunken zu haben. Er nimmt mich mit in einen Rohbau und gibt mir ein anderes Gerät zum Pusten. Vorher zeigt er mir noch irgendein Papier, das wohl die Eichung bestätigen soll. Wieder positiv. Rund sechs Beamte befinden sich in der Station, davon zwei in Tarnklamotten und mit Kalschnikows ausgerüstet – alle scheinen unendlich viel Zeit zu haben. Als mein Beamter mir das Gerät gerade zum zweiten Mal hinstrecken will, kommt wie gerufen ein stämmiger Offizier mit Gefolge, um den Checkpoint zu inspizieren. Ich nutze die Gunst der Stunde und bedeute einem der bewaffneten Jungs, dass ich jetzt wirklich gerne weiter fahren würde, fest entschlossen, mich sonst an den Offizier zu wenden. Zwei Minuten später tuckere ich nun endlich aus der Stadt hinaus, vorerst ohne „Schmiergeld“ los geworden zu sein. Dies sollte nur die erste von unzähligen Polizeikontrollen sein.

Nachdem mir Joachim erzählt hatte, dass er eine Nacht in Grosny verbracht hat, und sich völlig sicher fühlte, habe auch ich mich entschlossen, die Route durch Tschetschenien und Dagestan zu nehmen. In Richtung Grosny herrscht fast so viel Verkehr wie am Pragsattel in Stuttgart. Auch wenn ich mir Grosny gerne ansehen würde, beschließe ich auf der Schnellstraße vorbei zu fahren. Ich möchte Kilometer gut machen. In einem kleinen Ort namens Koshkeldy, kurz vor der Grenze nach Dagestan, traue ich meinen Augen nicht. Vor mir fährt ein weißer Audi mit Essener Kennzeichen. Ich überhole und grüße, an der nächsten Ampel unterhalten wir uns. Drinnen sitzen Said (28) und seine Frau Zarema (23), die auf Heimat-Urlaub sind. „Hast Du Hunger?“ fragt mich Said mit rheinländischem Akzent, „meine Tante hat hier ganz in der Nähe ein kleines Restaurant“. Ich nehme dankend an. Said ist 2001 nach Deutschland gekommen. Nachdem er mit der Familie drei Jahre lang im Asylbewerberheim in Warburg gewohnt hat, ist er nach Essen gezogen. Dort arbeitet er für ein Sicherheitsunternehmen, seine Frau macht eine Ausbildung zur Krankenschwester.  Ob er plane wieder zurück nach Tschetschenien zu ziehen, frage ich? „Natürlich würde ich gerne wieder zurück kommen“, antwortet er, „die Situation in Deutschland macht mir Sorgen. Sobald man ausländisch aussieht, wird man momentan mit allen Asylbewerbern über einen Kamm geschert.“ Auch das Erstarken von AFD und Pegida machen ihm Angst. Jedoch ist eine Rückkehr, nachdem man sein halbes Leben in Deutschland verbracht hat, auch keine leichte Entscheidung. Said besteht darauf, mich einzuladen. Wir verabschieden uns – die beiden müssen weiter zum Einkaufen, ich selbst überlege, ob ich Astrachan heute noch erreichen kann.

Nachdem ich die Kleinstadt Kisljar passiert habe, beginnt das Nichts. Die Straße ist schnurgerade, rechts und links erstreckt sich die Steppe bis zum Horizont. Ich beginne meine Gasgriffklemme zu lieben, turne vor Langeweile auf dem Motorrad herum. Hin- und wieder einen Lastwagen zu überholen, ist die einzige Abwechslung. Ich ahne, wie es in Kasachstan werden wird. Eigentlich wollte ich mit der Dämmerung anfangen, nach einem Hotel Ausschau zu halten. Doch momentan sehe ich nicht einmal Häuser. An einer Kreuzung steht auf einem  Schild nach rechts Астрахань. Dass das Astrachan heißt, habe ich mir inzwischen gemerkt. Wenige Kilometer später stehe ich im Nichts, die Straße ist zu Ende, Ausbauende.  Die Sonne geht blutrot am Horizont unter, es hat laue 30 Grad und ich beginne zu überlegen, ob ich hier zelten würde.  An der letzten Kreuzung frage ich einen Trucker nach dem Weg. Soviel ich verstehe, muss man einen Umweg über Komsmolskiy fahren. Während die letzten Zentimeter Sonne verschwinden, fahre ich auf eine wabernde Wolke über dem Asphalt zu. Als ich näher komme, erkenne ich, dass es ein riesiger Heuschreckenschwarm sein muss. Ich reduziere auf 60 und ducke mich hinter das Windschild. Trotzdem tut es unheimliche Schläge, als die Tiere gegen mich und dass Motorrad klatschen. Ich muss an Hitchcocks Vögel denken. Inzwischen ist es Nacht geworden: Außer dem gleichmäßigen Blubbern des Motors und ein paar Metern Scheinwerferlicht gibt es um mich herum nur Schwarz. Manchmal gelingt es mir nicht mehr, den Schlaglöchern auszuweichen, doch das GS-Fahrwerk steckt alles willig ein. Ich überlege, ob ich ein dankbares Ziel für Verbrecher abgebe, doch so wenig, wie ich erkenne, was sich hinter entgegen kommenden Scheinwerfern verbirgt, erkennen andere von mir.

In Mikhaylovskiy lande ich wieder eine Polizeikontrolle. Der Polizist macht sich nicht einmal die Mühe, mir ein Vergehen zu unterstellen, sondern sagt nur grinsend: „Money, Money!“. Ich grinse ebenfalls und antworte: „No Money!“ Daraufhin entlässt er mich mit einem „Davai!“ in die Dunkelheit. Es scheint ihm zu spät zu sein.  Ein paar Meter weiter ist wieder Schluss. Sackgasse. Als ich anhalte, um mich mit Navi und Handy zu orientieren, halten ein Kleinlaster und ein Auto neben mir. Im Laster sitzen Shamil und Hassan aus Grosny, sie fragen mich ironischerweise nach dem Weg nach Astrachan. Der Autofahrer weiß auch nicht weiter. Ein weiterer Kleinlaster hält an, scheinbar kennt dieser Fahrer den Weg. Wir bilden eine Kolonne. Da die Straße ungeteert ist, fahre ich voraus, um nicht zu viel Staub schlucken zu müssen. Die Strecke hat es in sich. Es gibt riesige Löcher, zum Teil sind lange Sandpassagen dabei. Ich bin heilfroh, dass ich zuvor Offroad-Erfahrung gesammelt habe, und genieße die Absurdität der Situation. Als wir eine Stunde später wieder auf der Hauptroute zu sein scheinen, verständige ich mich mit Shamil und Hassan darauf, gemeinsam bis nach Astrachan zu fahren. In der Vorstadt angekommen, schlägt mir Shamil vor, zu McDonalds zu fahren. So sitze ich um ein Uhr nachts vor dem Burgerladen in Astrachan, in dem sich auch die Bikerszene trifft, und unterhalte mich per Google-Translate. Shamil und Hassan sind Gemüsehändler, sie wollen Ware einkaufen. Natürlich werde ich wieder eingeladen – sowohl zum Essen als auch zu einem Besuch bei ihnen in Grosny. Am Ende fahren sie erst weiter, als sie sicher gestellt haben, dass Biker Evgeny und seine Freundin Arina mich zu meinem Hotel geleiten. Ich bin beeindruckt und gerührt von der Hilfsbereitschaft der Menschen, die ich an dem Tag getroffen habe, als ich gegen drei Uhr ins Bett sinke.

 

Ich komme gut voran auf dem Weg von Van in Richtung Georgien. Zwischen Igdir und Kars fahre ich einige Kilometer parallel zur armenischen Grenze. Die Tatsache, dass diese Grenze auf beiden Seiten komplett geschlossen ist, wirkt befremdlich auf mich. Wer vom einen in das andere Land möchte, muss grundsätzlich über ein Drittland reisen. Es dämmert bereits, als ich schließlich die georgische Grenze in den Bergen des Kleinen Kaukasus erreiche. Vor dem Abfertigungshaus lungern ein paar Grenzer herum. Einer ruft: „Germany?“ und fügt, als ich bejahe, hinzu: „Merkel very bad, you know!“. Nachdem ich das unkooperative Gehabe der türkischen Beamten hinter mich gebracht habe, stehe ich vorm georgischen Pendant: „First time in Georgia?“ Ich nicke und er lacht mich freundlich an und sagt: „Welcome to Georgia!“

Während ich die Kurven der neu geteerten Straße Richtung Landesinnere hinunter zirkele, spüre ich förmlich den Kontrast der zwei Länder. Die Dörfer auf beiden Seiten der Grenze dürften ähnlich arm sein. Auch in Georgien sieht man Autowracks, zerfallende Häuser, Straßenhunde. Und doch wirken die Menschen deutlich entspannter. Die Männer sitzen in den Straßencafes beisammen, trinken Bier und spielen Brettspiele. Die Frauen stehen schäkernd in Grüppchen am Straßenrand, natürlich unverschleiert. Die Schwermütigkeit über Kurdistan wird angesichts dieses Kontrastes noch deutlicher. Ich übernachte in Bordschomi, einem Ferienort. Am nächsten Morgen zeigt sich mir die ganze landschaftliche Schönheit der Gegend. Natürlich hat ehemaliges Väterchen Russland auch hier jede Menge Spuren hinerlassen. Regelmäßig stehen ausgesonderte Kamaz oder Gaz Militärjeeps am Straßenrand, die Männer laufen gerne in Tarnklamotten herum. Doch die Landschaft und das Flair wirkend sehr sympathisch auf mich. Ich beschließe, Georgien später im Leben noch eine eigene Reise zu widmen, lasse Tiflis deshalb seitlich liegen und fahre direkt in Richtung „georgischer Heerstraße“ auf Russland zu. Der „große Kaukasus“ bietet regelrechtes Alpenflair. Die Straße schraubt sich mit jeder Menge Spitzkehren auf 2500 Meter hoch, über mir fliegen Paraglider, links und rechts weiden die Kühe. Als ich gerade so vor mich hinträume, holt mich Joachim, ein mir entgegenkommender Motorradfahrer, zurück in die Realität. Andere Biker sind so selten zu sehen, dass wir auf einen Plausch anhalten. „20 Stunden Wartezeit an der russischen Grenze“, berichtet er. Runterwärts war es wohl nicht ganz so schlimm, doch für mich sieht es schlecht aus. Gegen Joachim bin ich regelrecht grün hinter den Ohren. Er scheint seit Jahren durch die Welt zu touren, ist vor Weihnachten in Australien aufgebrochen. Aufschieben hilft nichts, ich fahre, ohne anzuhalten, zur Grenze, direkt hinein ins Chaos. Zwei Stunden später stehe ich im Dunkeln in einem unbeleuchteten Tunnel im Niemandsland und bin umgeben von Autos und Lastwagen. Anfangs konnte ich mich noch vorbeischlängeln, doch hier im Tunnel ist es so eng, dass nichts mehr geht. Es wird gerufen und gehupt, dazwischen laufen Fußgänger herum und überall liegt Müll. Wann immer es geht, nutze ich die Chance, wieder ein paar Meter vorbei zu kommen. Am Ende des Tunnels, als ich endlich wieder Luft bekomme, sind ein Autofahrer und ein Soldat, der versucht den Verkehr zu regeln, kurz davor die Fäuste zu schwingen. Die beiden brüllen sich mit hochroten Köpfen derart an, dass einem Angst und Bange werden könnte. Nach fünf Stunden habe ich es dank konstantem Vorbeischlängeln geschafft. Das kyrillische Zollpapier habe ich mit einer Vorlage von Joachim auch richtig ausgefüllt. In Vladikavkas suche ich mir – fix und fertig – ein Hotel.

 

Rückkehr nach Van

Ich stehe am Istanbuler Flughafen und bin extrem angespannt. Nach all den Gedanken, die ich mir vor dem Abflug gemacht habe, stehe ich nun vor dem profansten aller Probleme: Meine Gepäckrolle ist nicht angekommen. „I am sorry, we can not do anything“ antwortet mir der Turkish Airline-Mitarbeiter. In der Tasche steckt mein russisches Visum. Ich fülle die notwendigen Formulare aus, der Angestellte verspricht mir mehrfach, die Tasche sei am nächsten Morgen um acht Uhr in Van, und ich renne zum Anschlussflug. In Van erwarten mich schon Özlem und Bahattin am Flughafen. In ihrem Keller stand mein Motorrad während der letzten beiden Monate, und sie ließen sich nicht davon abbringen, mich abzuholen und zu beherbergen. Wir gehen als erstes in den Keller und holen das Moped heraus, ein Druck auf den Zündschalter und schon läuft der Zweizylinder. Die beiden kümmern sich rührend um mich. Sie sind Lehrer in Van, Bahattin für Kunst, Özlem unterrichtet Englisch. Bahattin ist als Sohn von Kurden in Van geboren und aufgewachsen. Özlems Vater ist Kurde, die Mutter Tartarin. Nach einigen Stationen in der übrigen Türkei sind sie inzwischen wieder in Ihre Heimat zurück gekommen, wo nun der zehnjährige gemeinsame Sohn aufwächst. Keine Frage, dass sie sich große Sorgen um das Leben in Kurdistan nach dem Putsch machen. Bis jetzt hat es in Ihren Schulen zwar noch keine Entlassungen gegeben, aber es sei nur eine Frage der Zeit. Die Inspektoren vom Ministerium waren bereits da. Was ich nicht wußte: Seit dem Putsch besteht Ausreiseverbot für alle Beamten. Lediglich die Hadsch ist zulässig. Zu meinem Erstaunen berichten sie, dass in der Nacht des Putsches selbst in Van einige Leute auf die Straßen gegangen sind, um für Erdogan und die Demokratie zu demonstrieren. Während auf der einen Seite wenig kritisch hinterfragt wird, scheint trotzdem auch die Theorie umzugehen, dass der Putsch willentlich zugelassen wurde, um Erdogans Macht zu stärken. Wir unterhalten uns den ganzen Abend, und ich würde gerne noch länger bei dem Lehrerpaar bleiben, doch die Zeit drängt. Am nächsten Morgen kommt wie versprochen meine Tasche an – und ich nehme Kurs auf Georgien.

Kasachische Steppe

Vor gerade zwei Monaten ist meine Motorradtour in der Türkei zu Ende gegangen. Nun will ich sie fortsetzen – und habe das Gefühl, in ein anderes Land zurück zu kehren. Am 28. Juni wurde die Türkei von einem Terroranschlag am Flughafen Istanbul-Atatürk heimgesucht. Zwei Wochen später scheitern Teile des türkischen Militärs bei dem Versuch, Recep Tayyip Erdoğan durch einen Putsch zu stürzen.Mein Motorrad wartet in Van auf mich, nicht weit entfernt von der iranischen Grenze. Um sie passieren zu können, fehlt mir aber immer noch das Visum. Warum meine Anträge immer wieder abgelehnt wurden, konnte mir auch im iranischen Konsulat in Frankfurt niemand erklären. Ich muss mich wohl vorerst geschlagen geben. Als Alternativrouten weiter in Richtung Osten bleiben mir nur der Irak oder der Kaukasus. Ich entscheide mich für Letzteres. Immerhin wird mir das Transitvisum für Rußland problemlos genehmigt, Kasachstan und Georgien verlangen keines. Der nächste Ort, in dem ich Kontakte habe ist Almaty in Kasachstan. Dort will ich wieder eine Unterstellmöglichkeit für mein Motorrad finden. Dazwischen liegen 4600 km – und ich hatte mir 10 Tage für diese Reise gegeben.  Ich versuche ein paar Termine zu verlegen und erweitere auf zwei Wochen. Viel Puffer bleibt mir trotzdem nicht. Die Sicherheitslage in Tschetschenien sowie die spärliche Infrastruktur Kasachstans stellen zusätzliche Herausforderungen dar. Ausgestattet mit aktuellen Open-Source-Maps und einer Wegpunktsammlung von Horizons-Unlimited hoffe ich, Benzin-Durststrecken überbrücken zu können. Teilweise scheint es 500 Kilometer lang nichts als Steppe zu geben. Auch ein Zelt packe ich ein. Theoretisch müßte ich am Tag zwischen 400 und 800 Kilometer zurück legen. Solche Etappen sind bei 40 Grad und staubiger Steppenlandschaft deutlich fordernder, als es die bisherige Strecke durch die zivilisierte Türkei war. Ob ich durch Tschetschenien und Dagestan fahren werde, habe ich noch nicht entschieden.Ich könnte auch den Umweg über Sotchi, von rund 1000 Kilometern nehmen. Meistens bekommt man am Ort des Geschehens ein besseres Gefühl für die Situation. Ich kann kaum erwarten, dass es am kommenden Samstag los geht. Nervös bin ich allerdings auch.

Inzwischen bin ich in Van angekommen, und der Grenzübergang Kapiköy in den Iran wäre theoretisch nur noch eine Stunde Fahrt in Richtung Osten entfernt. Theoretisch – denn das Visum habe ich leider trotz mehrfacher Versuche nicht bekommen. Dennoch fühlt man sich dem Land in Van schon ziemlich Nahe, denn die Stadt ist voll von shoppingwütigen Iranern, die für Wochenendtripps in die Türkei kommen und die momentan noch herrschende Säkularität des Nachbarstaates genießen. Auch in Van komme ich in meinem Hotel mit Englisch nicht weit. Doch der 22-jährige Neffe des Hotelbesitzes, Furkan, spricht zu meinem Erstaunen etwas Spanisch. Er studiert eigentlich in Antalya und ist während der Semesterferien auf Urlaub in Van. So sitze ich mit ihm, seinem Onkel Bekir und einem iranischen Reiseunternehmer in der Hotellobby, esse rohe Stengel einer landestypischen Frucht namens Uckun und unterhalte mich auf Spanisch über landestypisches Essen.

Von Usame in Gaziantep habe ich den Kontakt zu Freunden in Van bekommen, die mir eventuell bei der Unterbringung des Motorrades helfen könnten. So treffe ich Soner und drei seiner Kumpel abends in einer Kneipe. Einer davon ist der Kunstlehrer Bahattin. Er erklärt sich sofort bereit das Moped im Keller seines Mehrfamilienhaus unterzubringen. Und nicht nur das – nachdem wir am nächsten Tag mein Zweirad sicher abgestellt haben, verbringe ich fast den ganzen Nachmittag bei ihm und seiner Frau Özlem. Sie ist Englischlehrerin an der selben Schule wie ihr Mann. Wir unterhalten uns lange über die Unterdrückung der Kurden, während wir gemeinsam essen. Als ich erzähle, dass ich in Schottland gelebt habe, sagt Özlem: „Schottland oder Irland zu bereisen, das wäre die Erfüllung eines Traums für uns. Unsere letzte Reise nach Italien mussten wir ein Jahr lang abbezahlen.“ Anfang August werde ich nach Van zurückkehren. Ich bin selbst gespannt wie die Reise weiter geht.

Diyarbakir

Diyarbakir, die Stadt vor der mich so viele gewarnt haben: Seit ich in der Türkei unterwegs bin, habe ich versucht, mir ein Bild über die Sicherheitslage in Kurdistan zu machen, indem ich mit möglichst vielen Menschen darüber gesprochen habe. Die Meinungen reichten dabei von „Bist Du wahnsinnig? Fahr‘ auf keinen Fall dorthin, da sind die Terroristen“, meist von den eher nationalistisch eingestellten Türken ausgesprochen, bis hin zu „Klar kannst Du da hinfahren, die Kurden sind sehr gastfreundlich“, von den eher linksgerichteten Gesprächspartnern.  Nachdem ich eine Nacht im wunderschönen Sanliurfa verbracht habe, laufe ich nun durch den Stadtteil Sur innerhalb der antiken Stadtmauer von Diyabakir. Auf dem Weg zwischen Sanliurfa und Diybakir bin ich durch einige türkische Kontrollposten gefahren, konnte jedoch immer problemlos passieren. Auch hier in Diyarbakir ist die türkische Polizei allgegenwärtig. Auffällig sind die riesigen türkischen Flaggen, die überall aufgehängt wurden, ganz so, als wolle man keinen Zweifel daran lassen, wer hier das Sagen hat. Die Lage scheint eher ruhig, ich möchte trotzdem kein Risko eingehen, halte mich mit Fotos in der Nähe der Polizeiposten eher zurück. In Sur begegnen mir die Menschen überwiegend mit einem Lächeln. Leider beschränkt sich die Konversation dann doch eher auf Zeichensprache. Mit Englisch ist hier im Osten nicht mehr viel zu erreichen. Der Rezeptionist in meinem Hotel versucht trotzdem geduldig, sich mit mir zu unterhalten. Lokman, so heißt er, ist 21 und gerade von seinem einjährigen Wehrdienst zurück. Ob er dabei auch gegen Kurden, also seine eigenen Leute eingesetzt wurde, will ich wissen. „Zum Glück nicht, ich war die ganze Zeit in Ankara stationiert.“ antwortet er.

Elbeyli und Kilis

Ein bisschen stolz wirkt Litaf (36) schon, als er uns über sein frisch bepflanztes Feld führt. Fünf Jahre lang, seit der achtfache Vater über die Grenze gekommen ist, hat er sich als Lohnarbeiter für andere Bauern der Gegend verdingt. Nun hat er dank der Welthungerhilfe  (WHH) endlich sein eigenes Feld. „Wir nennen es nach dem nahe gelegenen Dorf das Elbeyli-Projekt“, sagt Usame (31). Er betreut die rund 25 syrischen Familien, die etwa 20 Kilometer östlich der Stadt Kilis nun für ein Jahr ein rund 5000 Quadratmeter großes Feld inklusive Werkzeuge, Wassersystem und Saatgut finanziert bekommen.  Das Ziel ist, dass die Flüchtlinge die Pacht in einem Jahr dank der ersten Erträge selbst übernehmen können. Auch Daud (40) ist einer der glücklichen Beneficiaries, wie die WHH sie nennt. Sein Feld liegt ironischerweise direkt hinter der befestigten Anlage aus Stacheldraht und Wachtürmen, hinter der sich eines der offiziellen türkischen Flüchtlingslager befindet. Wir sind keine vier Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Freilich wäre es leichter für Daoud gewesen, mit Frau und ebenfalls acht Kindern in eines der Camps zu ziehen. Dort gibt es genug zu essen, Schulen, Taschengeld. Doch unfrei und würdelos hinter Stacheldraht leben, das hat er abgelehnt. „In einigen Monaten ernten wir hier die ersten Paprika“, ruft er, während er mit Usame die Pflänzchen begutachtet.

Eine Stunde später sitzen wir beim Ortsvorsteher vom Stadtteil Kazimkarabekir der Stadt Kilis im Büro. In Zusammenarbeit mit Mehmet Polat (43) hat Usame von der WHH auch hier das E-Voucher-Programm (s.letzer Blogeintrag) eingeführt. Vor einigen Monaten hat der IS dann Raketen auf den Stadtteil geschossen. „Ich glaube ja, die Angriffe waren eine gezielte Aktion gegen das friedliche Zusammenleben von Syrern und Türken in unserer Stadt“, sagt Mehmet. Kilis hat etwa 130 000 Einwohner und hat schätzungsweise genau so viele Flüchtlinge aufgenommen. Wie sie mit der Situation während des Beschusses zurecht kamen, frage ich. „Die Raketen kamen am hellichten Tag aus dem Nichts geflogen. Eine landete sogar auf dem Dach meines Dienstwagen.“ erzählt er und lacht dabei, als wolle er den Ernst des Themas überspielen. Ein Dutzend Raketen gingen in Kazimkarabekir runter, dabei kamen zwei Türken und zwei Syrer ums Leben. Leider hatte der Beschuss auch zur Folge, dass manche der Anwohner die Anwesenheit der Syrer dafür verantwortlich machen. Es gab Proteste und Syrer wurden auf offener Straße angegangen. „Inzwischen gibt es keine Raketen mehr, und es ist alles wieder in bester Ordnung,“ betont Mehmet. Anscheinend hat die türkische Armee eine Art Raketenabwehrsystem installiert.

„Almania?“, fragt mich der ältere Herr schmunzelnd. Als ich nicke, fährt er grinsend auf Arabisch fort: „Es waren zwei Deutsche vom IS, die mein Haus in Syrien beschlagnahmt haben. Sie waren so blond wie Du. Ich habe Ihnen gesagt, ich würde ihnen mein Haus gerne im Tausch gegen ihres in Deutschland geben!“ Darauf hätten die scheinbaren Konvertiten entgegnet, er könne ihre Pässe gerne haben, sie bräuchten sie nicht mehr. Der Mann heißt Hussein (53) und ist mit einem Teil seiner Familie, er hat 8 Töchter und 4 Söhne, im Stadtteil Domlopinar in Gaziantep untergekommen. Eine der Töchter steht neben ihm mit einem Kind auf dem Arm. Ihr Mann ist tot, sie lebt wieder bei den Eltern. Ich bin mit einem Field-Team der Welthungerhilfe unterwegs, um Syrer für das E-Voucher Programm zu erfassen. Das Programm, welches vom deutschen Auswärtigen Amt finanziert wird und mehr als zehn Millionen Euro umfasst, erlaubt es den Begünstigten mit Hilfe einer Chipkarte, Lebensmittel im Wert von umgerechnet 16 Euro pro Monat pro Person zu kaufen. Damit die E-Vouchers gerecht verteilt werden, durchkämmen die Field-Teams in Zusammenarbeit mit den türkischen Ortschaftsräten Straße für Straße und registrieren die dort wohnenden syrischen Familien. Ich bin mit Leen (20) und Omar (23) unterwegs, die eigentlich syrische Studenten an der Uni in Gaziantep sind. Doch hier machen sie einen bewundernswerten Fulltime-Job. Geduldig hören sie sich ein schlimmes Schicksal nach dem anderen an, wägen ab, ob die Wohnadresse die richtige ist, tippen Daten in ihre Tablett-PCs. „Wir werden auch schon mal von ärmeren türkischen Familien beschimpft“, erzählt Omar, „da wir nur die syrischen Familien registrieren dürfen.“ Das führt manchmal zu Unmut. Der Job ist auch nicht ganz ungefährlich, schließlich sind die Helfer in den ärmsten und somit unsichersten Vierteln unterwegs.  „Einmal musste ein Team vor Drogendealern fliehen, die dachten wir wären von der Polizei“, berichtet Omar. Die meisten Behausungen, die wir während unserer Tour betreten, sind eigentlich nur Rohbauten, Kellerräume oder Garagen. Aus der Not der Flüchtlinge haben hier viele Einheimische ein Geschäft gemacht. Oft haben die „Wohnungen“ nicht mal Fenster, von Einrichtung oder Heizung ganz zu schweigen. Dafür bezahlen die Geflohenen zwischen 150 und 200 Euro Miete im Monat. In einer Baracke sprechen wir mit einer älteren Mutter, ihrer Tochter und der Nichte. Um uns herum die Kinderschar. Die beiden jüngeren Frauen berichten, dass sie seit über einem Jahr nichts von ihren Ehemännern gehört haben. Sie sind in der freien syrischen Armee. Die Mutter hatte noch manchmal als Erntehelferin etwas Geld verdienen können, jetzt hat sie Gelenkprobleme und kann nicht mehr. Mit Hilfe der E-Vouchers werden sie zumindest genug zu essen haben. Trotzdem frage ich mich, wie sie bei diesen Umständen durch die harten Winter hier kommen sollen. Inzwischen ist es Nachmittag geworden und man merkt Leen und Omar an, dass der Tag ermüdend war. Omar hat 37, Leen 28 Familien registriert. Kurz vor Schluss klingeln wir an einer weitern Tür. Der Mann, der öffnet, reagiert unfreundlich und wendet sich ab. „Er hat uns als Lügner bezeichnet, und glaubt dass er eh nichts bekommt“ übersetzt mir Omar traurig. Dann fügt er noch hinzu: „Viele NGO’s wecken durch Befragungen Hoffnung, doch dann passiert nichts. Ich kann den Mann verstehen. Trotzdem schmerzt es mich, wenn wir so behandelt werden, während wir versuchen, den Menschen zu helfen.”

„Pass auf, gleich wirst Du einen Kulturschock kriegen!“, warnt mich Jesco, während wir uns vom Sicherheitsmann abscannen lassen. Wir sind auf dem Weg in ein Irish Pub in einem Einkaufszentrum von Gaziantep, um uns mit Michael und John, zwei Sicherheitsberatern von zwei NGO’s, auf ein Bier zu treffen. Vor uns tut sich eine Mischung aus türkischem Pomp und Irish Pub auf, in dem sich ein gemischtes Publikum aus der Hautevolee Gazianteps und Expats an Weizen vom Fass und anderen westlichen Kaltgetränken labt. Der gebürtige Mainzer Jesco ist seit einem guten dreiviertel Jahr Projektmanager für die Welthungerhilfe in Gaziantep. Vorher hat er längere Zeit in Palästina und in Simbabwe gearbeitet. Als ich ihn frage, ob man durch die langjährige Arbeit für die NGO’s nicht abstumpft, antwortet er: „Vorher würde ich aufhören, das ist sicher. Man muss schon mit Herzblut dabei sein!“
Laut UNHCR befinden sich momentan mehr als 4,8 Millionen Syrer auf der Flucht. Davon sind rund 2,7 Millionen in der Türkei registriert. In den offiziellen Flüchtlingslagern kommt nur ein Bruchteil unter, etwa 260 000 wurden dort im vergangenen Jahr gezählt. Der Rest lebt irgendwo außerhalb. Jesco schätzt, dass allein in der 1,5 Millionen Einwohner zählenden Stadt Gatiantep etwa 350 000 Syrer gestrandet sind. Im Zentrum ist von den Flüchtlingen aber vergleichsweise wenig zu spüren. Manchmal sieht man arabische Erklärungen an den Geschäften und manchmal hört man arabische Sprache auf der Straße, sonst wirkt die Stadt relativ entspannt. In den kleineren Ortschaften zwischen Adana und Antep (wie die meisten sagen), sind mir die heimatlosen Syrer viel mehr aufgefallen. An den Ortsrändern haben sich sich öfters kleine Zeltstädtchen gebaut. An einer Tankstelle versuche ich, mich auf Zeichensprache mit ein paar syrischen Männern zu unterhalten. Sie arbeiten – vermutlich schwarz – auf einer nahe gelegenen Baustelle, ist alles, was ich herausfinden kann.
In unserem Irish Pub wirkt die Flüchtlingskrise aber kaum noch greifbar. Deshalb nehme ich Jescos Angebot, am Montag eines seiner Field Teams zu begleiten, gerne an.

Es ist noch dunkel, als mich der Bus um 4:30 Uhr für die Fahrt zum Startplatz abholt. Zwei Stunden später schweben wir mit rund 15 Leuten und unserem Kapitän Seyit Ünsal (35) lautlos über den Kulturstätten von Göreme in Kappadokien. Der Ort sticht durch seine unzähligen Gesteinsformationen und in den Fels geschlagenen, historischen Behausungen hervor. Vor ungefähr 18 Jahren haben zwei Urlauber und Ballonfahrer die perfekten Bedingungen fürs Ballonfahren hier entdeckt. Seitdem hat es sich als Highlight unter den örtlichen Touristenattraktionen entwickelt. „Früh morgens ist die Thermik am besten“, erklärt Seyit (35), der dreieinhalb Jahre bei den türkischen Fallschirmjägern gedient hat. Inzwischen ist der zweifache Vater Inhaber einer Tourismusagentur, eines Hotels und seit acht Jahren auch mehrerer Heißluftballons. Ob er zufrieden mit der Entwicklung in der Türkei sei? „Es geht nur aufwärts mit uns“, sagt er, „da habe er keine Zweifel!“. Ob er auch einen Umsatzeinbruch verzeichne, frage ich weiter. „Freilich gibt es dieses Jahr etwa 30 Prozent weniger Touristen“, gesteht er ein. Doch in Göreme sei das erstens nicht so stark zu spüren gewesen und außerdem wirkten sich die terroristischen Aktivitäten auch in Spanien und Frankreich aus, das ginge schließlich allen so.

Wieder festen Boden unter den Füßen, rolle ich auf meinen zwei Rädern aus der Felsenstadt hinaus. Während in Ankara kaum etwas von der Flüchtlingskrise zu spüren war, zeigt sie sich hier, etwas weiter südlich, wieder von Neuem. Als ich von Adana nach Karatas fahre, wo ich übernachten möchte, sind rechts und links der Straße wieder kleine illegale Zeltansammlungen zu sehen. Allerdings gibt es hier im Unterschied zu Idomeni keine Waschcontainer oder Stromzufuhr. Die Flüchtlinge scheinen auf sich alleine gestellt zu sein. In der nächsten Ortschaft bettelt eine kaum zwanzigjährige Syrerin mit einem Neugeborenen auf dem Arm an einer roten Ampel.